Vorbelichtungen mit N+1 und N+2 sowie Gelbfilter

  • Hans Harms zeigte wie ich Interesse an Vorbelichtungen. Drum teile ich hier meine Beobachtungen.




    Warum befasse ich mich überhaupt mit dem Thema?


    Wenn ich morgens Berge in der Ferne fotografiere, haben die manchmal nur einen geringen EV-Unterschied zwischen Fels und Schnee und Himmel. In der vorliegenden Situation maß der Belichtungsmesser für die grauen Wolken +1/3 EV mehr als für die Berge und in den leuchtenden Wolkenpartien +2/3 EV. Blanker Himmel kommt mit +1 1/3EV durch. Insgesamt ergibt sich ein Kontrast zwischen den Bergen und dem Himmel von 1 1/3 EV Spannweite.


    Ich hätte gerne mehr. Ich hätte gerne, dass die Felspartien dunkler kommen, der Schnee heller, das Leuchten noch heller. Ich müsste den Kontrast in den Berg- und Himmelspartien also erhöhen. Eine Expansion macht man mit einer leichten Unterbelichtung, damit die Schatten dunkel bleiben, und einer Überentwicklung, damit die Lichter heller kommen.


    Natürlich geht die Dogmatik immer in Richtung Gesamtkontrastausgleich über das ganze Bild statt Partialsteuerung. Also Kompression oder Expansion. Basta. Das reduziert die möglichen Motive. Vielleicht ist das einer der Gründe für soviel Fine-Art-Langeweile.


    Mit den Bergen und dem Himmel ist das Bild nämlich noch nicht getan. Jedenfalls will ich nicht den üblichen Alpenkitsch produzieren, mit Fahnen, Kaiserwetter, strahlenden Bergen, idealer Staffage usw., den man seit den Fotobüchern der 1940er kennt, sondern ehrliche Bilder, in denen auch der Mensch in seiner Umwelt ins Verhältnis gesetzt wird. Was unter anderem auch mit sich bringt, dass die Aufnahme eben nicht ausflugsgerecht zwischen 9 Uhr vormittags und 17 Uhr nachmittags platziert werden kann.


    Also gibt es in den Bildern noch Vordergrund, mal mehr, mal weniger, mal näher, mal ferner, mal natürlicher, mal anthropogener.


    Wenn ich aber den Kontrast im Bild steigere, verliere ich die Schatten im Vordergrund. Im vorliegenden Beispiel waren die Wälder -1 1/3 bis -4 EV dunkler als die Berge. Wenn ich schon die Eigernordwand in IV platziere, um den Kontrast in den Lichtern auf VII treiben zu können: wo landen dann die Schatten in den Wäldern?


    Ich fragte hier im Forum nach, und mir antwortete geo mit dem Hinweis auf Vorbelichtungen. Die geht so, dass man vor der eigentlichen Szenerie eine Aufnahme durch ein Transparentpapier macht. Die Belichtung wird mit durch das Transparentpapier gemessen, sodann wird sie runtergerechnet um -3 oder -4 EV, so dass das Papier eigentlich -3 oder -4 EV unterbelichtet wird. Das Licht, das hier auf den Film kommt, addiert sich zur Hauptbelichtung der Szenerie. Aber in den Schatten macht sich das mehr bemerkbar als in den Lichtern, weil die eh viel heller sind als die Schatten bzw. das bißchen Licht durch das Transparentpapier.


    Wieviel Vorbelichtung muss es jetzt sein? Das habe ich in 12 Aufnahmen ausprobiert. In der oberen Reihe sieht man als Erstes das Rohbild, ohne Filter, in normaler Entwicklung. Sodann dasselbe Bild mit Gelbfilter (Cokin A1), anschließend als Drittes das Bild mit geringer Vorbelichtung, und schließlich das Bild mit mehr Vorbelichtung. In der mittleren Reihe dasselbe nochmal, aber mit gesteigerter Entwicklungszeit. In der unteren Reihe dasselbe mit nocht stärker gesteigerter Entwicklungszeit.


    Na gut, es war heute morgen 5 Uhr, als es heller wurde, und innerhalb von 10 Minuten verzeichnete der Belichtungsmesser ein Gesamtmehr von 1 EV. Das ist bei solchen Reihen immer problematisch, und man muss die Lichtveränderungen immer zeitnah nachführen.


    Ebenfalls dumm ist, dass die Gesamthelligkeiten auf den Filmblättern sich ändern, was nachher beim Digitalisieren (mit Kamera und Leuchtpult) Probleme schafft, weil bei gleichbleibenden Belichtungswerten das Histogramm aus dem Display wandert sprich Schatten gekappt werden, die sich im Negativ noch ganz unproblematisch durchgezeichnet zeigen. Ich hatte jetzt keine Zeit, jedes einzelne der 12 Bilder im Rohkonverter durchzugehen ...


    Aber was man sieht, ist bei N+1 und N+2 Entwicklungen, dass das Leuchten der Himmelspartien deutlicher wird. Da hilft schon ein Gelbfilter. Sicher wäre ein Rotfilter noch wilder, aber da ginge mir dann der "Vordergrund" ebenso verloren wie der Dunst - die Berge sind 40km weit weg, und da massiert sich morgens einiges.


    Was man auch sieht, ist der Effekt der Vorbelichtungen. OK, Bild 2 ist ein Ausreißer, da fand gerade die o.g. Aufhellung statt, die eine Neukalkulation der Belichtungszeit erforderte. Der Schwarzschildeffekt musste berücksichtigt werden, und ich belichtete 20s. Der Verschluss stand auf B, was ich aber vergaß. Ich löste aus, wartete auf das Zischen der Mechanik, aber da kam nichts, also ließ ich wieder los, schaute nach, und merkte, dass der HiLi von Sinar ja gar nicht zischt in B, worauf ich nochmal anfing, wodurch am Ende 23s herauskamen ... - Aber: die Bilder 7 und 8 sowie 11 und 12 zeigen in den Bäumen am unteren Bildrand den Vorbelichtungseffekt recht deutlich.


    In 4, 8 und 12 habe ich den Eindruck, dass die Vorbelichtung in II, also nur -3 EV, bereits ein wenig verschleiert.


    Fazit wäre dies: es ist möglich, einen Vordergrund durch Vorbelichtung vor dem Absaufen der Schatten zu bewahren, während man insgesamt den Kontrast mit einem Gelbfilter verstärkt und im Speziellen die Lichter durch eine N+1 oder eine N+2 Entwicklung. Finde ich jetzt durchaus nett, diese Beobachtung. Vielleicht öffnet sie mir ja die Türe für weitere Aufnahmen.


    geo , das war ein super Tip. Du hast mir wirklich ziemlich weitergeholfen.

  • Abschließend noch ein Beispiel für eine Vorbelichtung mit -4 EV, also Zone I, und eine N+2 Entwicklung. Im Positivprozess würde ich mit Splitgrade und Abwedeln und Nachbelichten weitermachen. Man entschuldige die schlechte Aufnahmequalität: es ging Wind, und das Abfotografieren vom Leuchtpult ist auch nicht der Hit.


  • aksak_maboul

    Changed the title of the thread from “Vorbelichtungen sowie N+1 und N+2” to “Vorbelichtungen mit N+1 und N+2 sowie Gelbfilter”.
  • Das Licht, das hier auf den Film kommt, addiert sich zur Hauptbelichtung der Szenerie. Aber in den Schatten macht sich das mehr bemerkbar als in den Lichtern, weil die eh viel heller sind als die Schatten bzw. das bißchen Licht durch das Transparentpapier.


    Die Erklärung stimmt m.E. nicht.

    Etwas differenzierter sollte man die Auswirkung einer Vorbelichtung, also konkret die Wirkung des zusätzlichen Lichtes auf Schatten sowie Lichter, daher schon betrachten; es hülfe dann auch zum Verständnis des Ganzen, oder warum Faustregeln für Vorbelichtungen früher "10-20% der Hauptbelichtung" empfahlen.


    Wenn die Schatten 10 Teile Licht erhalten, um Schatten zu werden, und die Lichter 100 Teile Licht brauchen, dann ist sofort klar, warum die Aufhellung der Schatten mit sagen wir 2 weiteren Anteilen Licht erfolgreich ist, die Lichter aber mit nun 102 teilen Licht praktisch keine Veränderung erfahren.

    In den Schatten gibs 20% mehr Licht, das ist schon recht deutlich; Um aber eine Blende mehr Licht zu erhalten, bräuchte es 200 Teile Licht, und nicht nur plus 1%.


    Fazit wäre dies: es ist möglich, einen Vordergrund durch Vorbelichtung vor dem Absaufen der Schatten zu bewahren


    Nee, aus einem Test mit veränderlichem Licht, willkürlichem Nachpegeln und "Ausrutschern" läßt sich kein Fazit ziehen.



    Wenn ich aber den Kontrast im Bild steigere, verliere ich die Schatten im Vordergrund.

    Also reichlicher belichten, nicht knapper; und eben auf die Lichter entwickeln.

    Welche ja höher kommen sollen, aber eben bereits reichlicher belichtet wurden:-)


    Ansonsten empfiehlt sich noch ein steiler arbeitender, niedrigempfindlicher Film.

    Möglichkeiten der Kontraststeuerung sind derer Viele..


    Probiere es mal mit den Grau Verlaufsfiltern aus.

    Verlaufsfilter überhaupt.

    Grau verändert ja "nur" die Dichte.

  • Shen Hao : was antworte ich denn da jetzt auf so viel Selbstgefälligkeit und Wut?


    geo hat ja schon auf Adams und Wollsteins Kolumne verwiesen, die das übrigens anders formulieren als Du. Ich habe es absichtlich vereinfacht. Ich denke mir immer, es muss morgens um 5.35 Uhr bei Wind und Wetter im Dunkeln verständlich sein. Was die Leute an Deinen Ausführungen jetzt verstanden haben dürften, ist, dass Du das alles immer sehr viel besser weißt.


    Dabei hast Du nichts kapiert von dem, was ich da ausprobiert habe. Diese reflexhafte Abätzerei stößt mich ehrlich gesagt etwas ab. Was sollen denn die Leute denken: da kommt einer, der mal ein wenig was ausprobiert und anderen mitteilt, und zack: kriegt er eine auf den Sack.


    Ich sagte, ich habe auf N+2 entwickelt. Dazu muss ich, nach Zonensystemlehre, die Belichtung etwa um 1 EV reduzieren. Hab ich übrigens dann auch mal für mich so festgestellt, mit Stouffercard. Ich habe, anders als Du das verstanden hast, viel knapper belichtet, damit der Fels in den Bergen dunkler wird. Und länger entwickelt, um den Schnee heller zu machen. Das ist eine Expansion. Du empfiehlst statt dessen eine Kompression. Dann aber kommt ein ausgepresster Teebeutel raus, siehe Bild 1, das nur mit N entwickelt wurde. - Zusätzlich habe ich noch den Film vorbelichtet. Mit einer um -4 EV reduzierten Vorbelichtung durch Transparentpapier bin ich zufrieden. Es lässt insbesondere das Frühlingslaub im Vordergrund, um unteren Bildteil, dichter ausfallen. Die -4 EV sind einfach eine Reduktion der durch das Transparentpapier gemessenen Belichtung um -4 EV. Steht so in Adams, Negativ, S. 130ff. Da ist eben auch nichts mit "willkürliches Nachpegeln" im Nachhinein - man sieht auch hier, dass Du wirklich völlig auf dem Schlauch stehst.


    Apropos "Pegel". Auf dem von Dir angelegten Level der inhaltlichen Beschäftigung mit den Experimenten anderer bist Du natürlich von Idioten umzingelt. Dass einer wie ich überhaupt die Frechheit besitzt, Deinen geistigen Horizont zuzumüllen! Muss einsam sein, da oben auf Deinem hohen Ross.

  • Natürlich geht die Dogmatik immer in Richtung Gesamtkontrastausgleich über das ganze Bild statt Partialsteuerung. Also Kompression oder Expansion. Basta. Das reduziert die möglichen Motive. Vielleicht ist das einer der Gründe für soviel Fine-Art-Langeweile.

    Das mit dem Gesamtkontrastausgleich finde ich eine interessante Bemerkung und verstehe sofort die behauptete Einschränkung der möglichen Motive. Ich greife bei meinen Fotos häufig zu partiellen Kontraständerungen und freue mich darüber, dass das nicht mehr mit hart arbeitendem Entwickler und Schwamm nötig ist.

  • Dankeschön!
    Gute Nebeneinander Stellung der verschiedenen Belichtungen und Entwicklungszeiten.
    Möchte demnächst nach über 20 Jahren auch mal wieder in der Richtung experimentieren…
    Habe ich das nur überlesen oder hast du die Filmsorte gar nicht erwähnt?

  • Zum Film:

    Ilford FP4+

    HC110H, dh. 1+63

    20°C

    Metallfilmhänger im 3,5l-Hängetank

    Bewegung zuerst 30s am Stück, dann alle 30s für 5s (links quer, hoch, rechts quer)

    Adox Stoppbad

    Ilford Rapid Fixer

    Ilford Wässerung 5-10-20-40 im Tank


    Zu partiellen Kontraständerungen:

    Damit habe ich in diesem Fall noch gar nicht angefangen. Aber ich behalte mir Abwedeln, Nachbelichten, Splitgrade, die Arbeit mit zwei Entwicklern, das Anhauchen vom Bildecken explizit vor. Ich denke, mit der Vorbelichtung bekommt man da sogar noch etwas mehr Fleisch an den Knochen, mit dem man kochen kann.


    Zur Gerätschaft:

    Gitzo Studex der 3er Serie

    Arca Swiss Kugelkopf

    zwei Bankhalter von Sinar

    lange Bank

    3 Sinar F-Standarten

    normaler und Weitwinkelbalgen

    Hinterlinsenverschluss

    Cokin A1 Gelbfilter

    Apo-Ronar 11/480 MC


    Vielen Dank für das Interesse!

  • Den Ausgleich finde ich gar nicht so verkehrt,

    Einen Ausgleichsentwickler setzt man doch eigentlich ein, wenn man vielen unterschiedlichen Lichtsituationen gerecht werde will: z.B KB Reportage.

    Bei gezielter Über- (oder Unter-)belichtung mit Entwicklungszeitenanpassung scheint mir eine Ausgleichsentwicklung doppelt, wenn man kontrastmildernd arbeiten möchte (wenn nicht sogar kontraproduktiv, wenn man Kontrast und vor allem auch Partialkontrast anstrebt).

  • Nee, aus einem Test mit veränderlichem Licht, willkürlichem Nachpegeln und "Ausrutschern" läßt sich kein Fazit ziehen.

    lässt sich schon. man sollte sich aber schon über die aussagekraft (verallgemeinerbarkeit im sinne einer praktisch anwendbaren regel) eines solchen tests/fazits im klaren sein.


    wobei der grundlegende mechanismus ja klar ist. eigentlich geht´s nur noch um´s anpassen an die individuellen bedürfnisse/vorlieben/fähigkeiten/notwendigkeiten.

    dislikes? wenn es dir in deiner kleinen welt weiterhilft...
    likes? lieber nicht. unnötig.

  • Natürlich, klar.

    Aber solche Fazite sind dann nicht belastbar.


    Daß man Schatten nicht durch Unterbelichtung anheben kann, hatte nebenan im Bilderthread der Norman Riley schon vergeblich versucht zu erklären.

    Der Faziteur ist offensichtlich auch nicht belastbar :)

  • Einen Ausgleichsentwickler setzt man doch eigentlich ein, wenn man vielen unterschiedlichen Lichtsituationen gerecht werde will: z.B KB Reportage.

    Bei gezielter Über- (oder Unter-)belichtung mit Entwicklungszeitenanpassung scheint mir eine Ausgleichsentwicklung doppelt, wenn man kontrastmildernd arbeiten möchte (wenn nicht sogar kontraproduktiv, wenn man Kontrast und vor allem auch Partialkontrast anstrebt).

    Hmmm???


    Bei der Ausgleichsentwicklung werden in ersten Linie die Viertel Töne abgebremst weniger die Mitteltöne und so gut wie nie die Drei Viertel Töne.

    Na gut.

    Es ist so wie das ist!

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