Streetfotografie 3 mit 8x10Handykamera

  • Nachdem ich mich seit einiger Zeitvor allem in meine ULF-Kamera 9x15" eingearbeitet habe, mache ich garnichts mehr mit meiner 5x7" Handykamera, da mir 13x18 cm fast schon als Kleinbild vorkommt, wenn ich die Filme neben die ULF lege. Aber ein Foto mit der ULF ist gewichtsschwere und zeitaufwändige Arbeit im Vergleich zur 5x7Handy, die ich fast wie eine Leica transportieren und gebrauchen konnte ...

    Es hat einige Zeit gedauert, bis das Projekt einer 8x10 Handykamera realisiert werden konnte, da ich selbst leider keine solide Werkstattausrüstung mehr habe (FfmCity-Etagenwohnung). Aber der Ausbau einer ebay-8x10Lochkamera mit neu angepasstem Tubus und China-Helicoid zum vorhandenen SAngulon MC 8/120 und Aufstecksucher, Stativschelle und Trageriemen führte dann doch zu einem Ergebnis, dass ich hier mal praktisch präsentieren möchte.

    Die "Handytechnik" (obwohl hier mit Leichtstativ) und Thema Jahrmarkt passen gut zusammen, denn schnelles Arbeiten und die geringstmögliche Aufmerksamkeit des "Publikums" sind Bedingung für solche Projekte.

    Das Projekt: Während man von Jahrmarktfotografie einen bunten Menschentrubel erwartet, ging es mir genau um das Gegenteil: um die Architektur des Jahrmarkts, die erst ohne den Menschentrubel in ihrem Eigenleben dargestellt und verstanden werden kann - eben Streetfotografie im besten Sinne.

    Man kennt auch meine eher "provokative"Art der Fotografie, dh. über "stürzende Linien" etc. müssen wir hier als technisches Problem nicht mehr reden, höchsten als Bildgestaltungsdiskussion. Wie bekannt fotografiere ich mit Colornegativfilm, entwickle C-41 mit der Jobo CPE, scanne mit Epson 700 mit 2400 dpi und mache selbstverständlich die entgültige Bildbearbeitung digital. "stürzende Linien" sind also bei mir immer nur Gestaltungsentscheidungen, keine technischen Probleme mehr.

    Natürlich ist trotzdem jetzt auch jede Art von Kritik willkommen, und auch Lob wenn es sein muss ...

  • Hallo Rawitz,


    Mal ein paar technische Fragen.

    Nutzt du den Sucher, oder komponierst du das Bild auf der Mattscheibe.

    Ist die Kamera ohne Stativ überhaupt sinnvoll nutzbar oder zittert man nach kurzer Zeit so, dass eine Aufnahme von Hand unmöglich ist, bzw. die Zeiten sind so lang, dass ohne Stativ keine sinnvolle Nutzung möglich ist.

    Hast du auf dem Helicoid die Entfernung aufgetragen, machst du Zonenfokusierung oder Scharfstellung über Mattscheibe.

    Danke

    Grüße

  • eben Streetfotografie im besten Sinne.


    Streetfotografie verstehe ich zwar komplett anders, ließe sich aber sicher ebenso diskutieren wie "Handyfotografie mit Stativ", "Handy/Jahrmarkt - schnelles Arbeiten für geringstmögliche Aufmerksamkeit des Publikums als Bedingung für solche Projekte", zumal wenn das Projekt plötzlich "Jahrmarktarchitektur, mangels Publikum im Eigenleben jetzt mal begreifbar" heißt", oder "die Selbstverständlichkeit des Digitalisierens von Film".


    Ein aufgebauter Jahrmarkt hat kein Eigenleben, will ich meinen.

    Entsprechend "tot" kommen die Bilder für mich auch rüber, wobei ich mit "tot" dem Leben gegenüberstellend meine, aber auch im Sinne von betrüblich, leer. Jahrmarkt ohne Seele.


    1001e Nacht könnte so in jedem Vorgarten stehen, der Imbißkönig könnte ein Dönerbuden-Ausschnitt einer Hauptstraße sein, so empfinde ich das hier, tatsächlich auch mit diesen Assoziationen.


    Gut verständlich kommt mir rüber, daß die Freßbuden im Verhältnis zu Fahrgeschäft und Schaubude architektonische Dominanz beweisen.

    Und Deutschlands Regelwut hast Du im Portrait sehr gut festgehalten :)

  • Ein schöner kritischer Rundumschlag von Shen Hao, man hätte vielleicht noch die zerzauste Frisur und das ungebügelte Hemd des Fotografen argumentativ mitverarbeiten können, dass alle Fotos Sch..... sind.

    Wenn du mich damit ärgern wolltest, hast du das Gegenteil erreicht: Dein Beitrag ist ein Live-Beispiel für die Wahrnehmungsprobleme, die viele Leute mit der "Streetfotografie" haben. Wo offensichtlich durchgeknallte Fotografen phantastische Weltbilder sehen, sehen sie selbst nur tote Materie: eine leblose leere Strasse bzw. einen leeren Platz mit ein paar abgestellten Buden.

    Und tatsächlich haben sie "in der Sache" recht! Was ich jetzt aber nicht verstehe, wieso sich diese Leute für Sonnenuntergänge und Bergpanoramen begeistern können. Denn das ist doch dasselbe.


    Gruesse

    Rainer

  • Hallo Jockel,

    ja ich benutze den Sucher, die Mattscheibe habe ich zwar dabei, aber bei 8x10 und Weitwinkel hat man kompositorisch sowieso keine Kontrolle mehr über die Mattscheibe.

    Auch das Stativ benutze ich normalerweise nicht, denn mit dem ganzen aufgebauten Equipment herumzulaufen ist lästig und zu auffällig. Auf dem Rummelplatz war es anders, da musste ich nur ein paar Meter zum nächsten Motiv gehen.

    Mit 400 ASA Farbnegativfilm komme ich bei normalem sonnigen Licht auf Bl.22 und 1/125sek. Das geht "aus der Hand", denn die Kamera ist nicht schwer und gut auf der Brust abzustützen. Bei meinen ersten Praxistests habe herausgefunden, dass das SAngulon bei Bl.16 randscharf ist und auch 1/60 sek. aus der Hand noch geht. Es ist also noch etwas Lichtreserve vorhanden, aber natürlich ist auch das kleine und leichte Stativ immer dabei in der "Sporttasche".

    Die Entfernung habe ich auf dem Heliozid markiert bei oo, 10m und 5m. Das reicht, denn bei Bl.22 und dem Weitwinkel gibt es auch genügendend Tiefenschärfe, ca. oo bis 6m.

    Bei den ganz grossen Handykameras gibt es ja keine Möglichkeit zu shiften und tilten, man muss schon präzise arbeiten. Die Optik habe ich mit 1 cm Shift nach oben eingebaut, das macht das SAngulon noch gerade mit.

    Bauliche Schwierigkeiten hatte ich, für die grosse Hinterlinse der Optik ein passendes Helizoid zu finden, die beiden Schneider Helizoide, die ich noch habe, sind zu eng. Das gefundene China-Helizoid hat 62mm Gewinde vorn und hinten und 1,5 cm Auszug, trotzdem schlägt die Hinterlinse ab 3m Entfernungseinstellung an die Fassung an, aber das reicht mir aus.

    Das grösste Problem war die Feinjustierung der Optik mit der Filmebene, denn schon 1/10 Grad Abweichung machen sich beim WW mit einer tendenziell unscharfen Ecke bemerkbar. Auch die Bildfeldwölbung der Optik muss bei der 00-Justierung einberechnet werden: für die Bildecken muss im Vergleich zur Bildmitte der Auszug leicht verlängert werden.

    Aber jetzt ist es ja soweit und der ganze Bastelfrust beendet und vergessen.


    Gruesse

    Rainer

  • Hallo Rawitz,

    mir gefallen Deine Aufnahmen sehr gut, die Tristesse des leeren Rummelplatzes kommt sehr gut rüber.


    Interessant finde ich Deine Herangehensweise mit der 8x10 aus der Hand zu fotografieren. Da wäre ich nicht drauf gekommen, auch wenn ich schon mal was von eine Sinar Handy gehört habe. Ich hätte bestimmt das Stativ mitgeschleppt. Dein Ergebnis zeigt aber, wenn man die richtige Kamera dafür hat, wie gut das gehen kann.


    Fühlte mich bei den ersten 3 Aufnahmen irgendwie an Aufnahmen William Christenberrys erinnert, der in den frühen 1970ern mit Walker Evans eine Tour durch die Südstaaten der USA unternommen hat.


    Viele Grüße

    Frank

  • (Tote Materie) - Was ich jetzt aber nicht verstehe, wieso sich diese Leute für Sonnenuntergänge und Bergpanoramen begeistern können. Denn das ist doch dasselbe.


    Ein schlichtes Wahrnehmungsproblem, nach Deiner Denkweise.

    Ich würde ja von einem durchaus diskussionswürdigem Verständnis reden, was aber im glorreichen Land der heutigen Trichter und Henker nicht mehr recht klappen will, weil die über ihre Überzeugung, Fantastisches zu schaffen, nicht diskutieren wollen, obwohl man doch die Wahrnehmungsgeschädigten auch mal fördern könnte?


    Ob man ein fantastisches Bild im Vorfeld erklären muß, könnte man übrigens auch mal diskutieren; ich war der Meinung, dies schaffe ein gutes Bild auch von allein, und es ließe dem Betrachter darüberhinaus eigene Vorstellungen.


    Mir würde es aber schon reichen, wenn Du das "Eigenleben" des unbelebten Jahrmarktes darstellen könntest, denn dies war dein erklärtes Ziel.

    Idealerweise im Bild natürlich, aber gerne auch im verbalen Nachgang, falls ich im Bild Offensichtliches nicht wahrgenommen hatte.

  • eben Streetfotografie im besten Sinne.

    mittelschwer verunsichert habe ich nach lesen dieser zeile und anschauen deiner bilder nach der pointe in deinem text gesucht. und als ich keine fand, habe ich dann einige definitionen des begriffes "streetfotografie" nachgeschlagen (müsste es ohne sprachschluderei nicht vielmehr "straßenfotografie" oder - wenn man schon polyglotten möchte - "street photography" heißen? jaja, ich weiß, soul of street haben da ihre eigene verschrobene meinung).


    und obwohl es nun keine wirklich 100prozentig verlässliche erklärung dieses begriffes gibt, waren sich doch eigentlich alle zumindest in einem punkt einig (und den diversen bildern die man dazu in büchern, journalen oder im web findet stützen das in überragender zahl): "streetphotography" ist zu allererst "menschenfotografie". und das nicht in einem abstrakten verständnis (im sinne von "die spuren des menschen in seiner umwelt"), sondern schon ganz konkret. vielleicht kann ab und zu mal eins von 20 bildern zu einem thema aus erzählerisch-ästhetischer sicht auf die darstellung von protagonisten verzichten, aber ansonsten sähe ich da schon ein problem, das unter diesem label anzubieten.


    deine definitorische verwegenheit konsequent zu ende gedacht, ist das hier "street photography" im wirklich "besten Sinne".


    ----------------------------------------------------------------------------------


    und: du schreibst

    Natürlich ist trotzdem jetzt auch jede Art von Kritik willkommen

    und bügelst dann aber jemanden süffisant ab, der dich da beim wort nimmt? warum so angepisst dieser schnelle sinneswandel? @Shen Haos einwand ist jetzt - er begründet seine einschätzung ja und haut nicht einfach nur ein dislike drunter - nicht ganz von der hand zu weisen, würde ich sagen.


    ---------------------------------------------------------


    meinerseits noch nachgefragt:


    welchen ästhetischen, motivischen, technischen, kunsttheoretischen, dokumentarischen oder sonstwie zu nennenden grund außer dem hier im forum üblicherweise erwartbaren ("weil es geht") gab es, diese motive auf 8x10inch abzulichten? und dann noch nicht mal wirklich konsequent, wegen "handykamera", irgendwie aber dann doch auch wieder nicht weil ja eben trotzdem mit stativ.

    dislikes? wenn es dir in deiner kleinen welt weiterhilft...
    likes? lieber nicht. unnötig.

    Edited 3 times, last by In den Duenen ().

  • Hi Markus,

    Danke aber ich muss nachfragen was du genau meinst. Die "rote Bodenleiste" stört mich auch, aber das sind die Reflexionen in der Aluplatte - werde ich trotzdem vielleicht noch wegmachen. Wenn du den Himmel (links oben) meinst, bin ich mir nicht sicher, ob es nicht eine der vielen Schleierwolken ist oder tatsächlich verschliert.

    Entwicklungstechnisch kann ich da nichts mehr machen, dafür hab ich die digitale Bildbearbeitung.

    Übrigens ist mir aufgefallen, dass die Fotos auf meinem Notebook aufgerufen einen deutlichen Rotstich haben, den ich auf meinem

    riesigen 4k Arbeitsmonitor nicht habe. Wie seht Ihr diese Fotos? Ich muss jedenfalls mal wieder nachkalibrieren.

    Die Bilder hier sind an einem Tag aufgenommen, entwickelt, digitalisiert und bearbeitet worden. Da gibt es sicher nochwas zum

    nacharbeiten, wenn ich die Zeit habe, alles nochmal in 1:1 Feinauflösung zu kontrollieren.


    Hi Frank,

    diese Grossformat-Handykameras sind jetzt nichts ganz neues, die bekannten Linhof und Sinar Panoramakameras sind ja nichts anderes. Schon vor gut 15 Jahren hatte ich auf der Fotokina eine 8x10 Handykamera in der Hand gehabt und war schwer beeindruckt: Ein Ami hatte eine neue kleine Produktion in Hongkong aufgemacht, und wollte ein komplettes Sortiment von Handykameras aller Formate herausbringen. Die Firma Fotoman gibt es -ich glaube- auch heute noch, sie produziert aber nichts mehr, Gebrauchtgeräte tauchen immer mal wieder auf. Neulich hab ich sogar eine 8x10Handy für stolze 3500 $ angeboten gesehen.


    Aber warum mache ich das jetzt mit der 8x10Handy? Ich sehe immer wieder auf der Strasse tolle Motive, die ich gerne auch mit der Grossformat machen würde. Meine beiden Versuche mit der 9x15 Kamera sind gründlich fehlgeschlagen. Nach kurzer Zeit habe ich eine Traube von "fachkundigen Laien" um mich herum, die mir ausführlich erzählen, wie ihr Grossvater auch schon mit "so einer Kamera" ganz tolle Fotos gemacht habe. So funktioniert es also (für mich) nicht, deshalb hier ein neuer Versuch, von dem ich noch nicht weiss, wie es ausgeht. Ich finde es toll, dass die meisten Leute mit ihrer GF-Kamera in die einsamen Landschaften hinausgehen, und schon das Fotografieren in Ruhe geniessen können. Ich kann es meistens nicht. Selbst auf dem Jahrmarkt hatte ich nach 100 Metern die Security neben mir stehen, denen ich erklären musste was ich da mache, und die wohl in meiner Reisetasche eine Bombe vermutet hatten.


    Gruesse

    Rainer

  • ich war der Meinung, dies schaffe ein gutes Bild auch von allein, und es ließe dem Betrachter darüberhinaus eigene Vorstellungen.

    Dem schließe ich mich sofort an. Man sollte Bilder grundsätzlich ohne Titel zeigen, denn der Titel scheint dazu zu führen, das Bild mit den eigenen Vorstellungen, dem eigenen zum Titel vorgestellten Bild, abzugleichen. Das führt häufig dazu, dass das Bild durchfällt.

    Und weiter: "das ist keine Streetfotografie" - na und? Und wir können jetzt bei dem Zitat wieder anfangen.

    Ob der Einsatz einer Großformatkamera für einen Amatör sinnvoll ist, wenn er Jahrmarktsbuden oder einen Besen fotografiert, ist hier völlig belanglos für die Beurteilung der Bilder. Auch meine Vorstellung von Rummelfotos würde ich vermeiden, zur Beurteilung heranzuziehen, denn damit mache ich den Fotografen wieder zu meinem Erfüllungsgehilfen, der meine Bilder machen soll. Ich sollte mich auf seine Bilder einlassen.

  • Ich finde das Projekt großartig. Sowas will ich auch irgendwann mal probieren. Ja, 8x10" geht auch aus der Hand, das hatte ich mir auch schon mal überlegt. Ist aber natürlich ein bisschen grenzwertig.
    Ich hatte mal versucht, eine hosentaschenfähige 4x5"-Handkamera zum auseinandernehmen und immer dabeihaben zu basteln. Leider bin ich mit dem Projekt auch nicht zu Ende gekommen. Irgendwas kommt immer dazwischen.
    Deine Kamera gefällt mir sehr gut!

    Natürlich wäre es toll einen Jahrmarkt-Trubel mit vielen Leuten zu fotografieren, würde technisch sicher auch funktionieren... aber heutzutage ist das halt alles auch ein rechtliches Problem, da bekommt man sofort Ärger... vor 100 oder selbst 50 Jahren war das alles noch viel unverkrampfter.

    Die Bilder sind auch menschenleer interessant, und die Farben kommen gut.


    Viele Grüße
    Wilfried

  • Auch meine Vorstellung von Rummelfotos würde ich vermeiden, zur Beurteilung heranzuziehen, denn damit mache ich den Fotografen wieder zu meinem Erfüllungsgehilfen, der meine Bilder machen soll. Ich sollte mich auf seine Bilder einlassen.


    Gut gesprochen.

    Meine Vorstellungen hatten es aufgrund der konfusen Verbaleinleitung schwer, sich zu entwickeln.

    Immerhin hatte es bei mir noch für Assoziationen gereicht, aber die waren nicht genehm.


    Ich darf noch eben anmerken, daß der zeitliche Kontext dieser Präsentation zumindest für mich ziemlich ungünstig gewählt wurde - oder steckt gerade hierdarin die versprochene Provokation?

    Nein, es ging/geht um architektonisches Eigenleben und nicht um Soziologie oder Politik, obwohl die dann doch ein Stück weit im Portrait zu sehen ist und im Ausbleiben der Tölpel zu erahnen wäre.

    Beklemmend.


    Ich glaube es halbwegs geschafft zu haben, mich von dem Wortgewusel hier zu lösen, und versuche noch mal reinzuhören, was die Bilder meinem leider geprägten Ich zu erzählen haben.

  • Ich könnte mir noch vorstellen, dass 1/60 aus der Hand mit 8x10 was anderes ist als mit 24x36 ... Wegen der geringeren Vergrößerung sind Verwacklungsunschärfen im Fall weniger offensichtlich.


    "Bienmüller's Grill-Spezialitäten" - zwei Wörter, zwei Rechtschreibfehler, und das in Leuchtschrift an prominentester Stelle ... Dass die "seit 60 Jahren ein Begriff" sind, zeigt sich von selbst, ist doch die Theke geschlossen. Man sieht nichts, muss sich aber was vorstellen.


    Ich glaube, ein Witz liegt darin, dass sich die wenigsten Rummelbesucher wirklich was vorstellen, wenn sie die bemalte Außenansicht eines Fahrbetriebes sehen. Man geht halt zur Maschinerie und hat Spaß.


    Man drückt sich irgendetwas Warmes, Fettiges in den Suppenschlitz. Am besten dort, wo man nicht zu lange anstehen muss und weniger Fressstress besteht.


    Die Kinder vielleicht: die stellen sich noch was vor und träumen dann. Aber der Blick ist in diesen Bildern hier eher "erwachsen", aus der Augenhöhe eines Erwachsenen, mit der Isolierung einzelner Stationen, der Einrahmung in ihre Umgebung, zu der sie verspannt werden (Riesenrad). Und damit kritischer.


    Ein kleiner Junge stünde anders vor dem "Break*Dancer". Vielleicht drängten sich die Stufen auf, oder das Kassenhäuschen, oder eine Kabine. Von "Fun City" bekäme ein Kind allenfalls das Geländer mit. Das Gelaber auf "Bienmüller's Grill-Spezialitäten" wäre für ihn irrelevant - die Mülltüte mit dem fettigen, senfverschmierten verbrannten, knorpeligen Fleischresten und den trockenen Wecken und dem Pappgeschirr entwickelte dagegen vielleicht ein Eigenleben ...


    Ich weiß nicht: weil mir der Blick hier erwachsener scheint, kritischer, ganzheitlicher, weniger personal, dafür neutral, nähme es mich Wunder, einerseits: wie sehen die käuflichen Verlockungen hinter den Rollade / Klappen aus, andererseits: wie sähen diese Stationen in einer noch neutraleren Darstellung aus, also mit perspektivischen "Korrekturen", denn solche "Korrekturen" sind ja auch nur Merkmale einer neutralen Darstellung.


    Dieser spannende Apparat eignet sich wegen des kurzbrennweitigen Objektivs eigentlich ziemlich gut für die engagiert-personale Perspektive, für den "kindlichen", den "entfesselten" Zugang, oder?

  • Man sollte Bilder grundsätzlich ohne Titel zeigen, denn der Titel scheint dazu zu führen, das Bild mit den eigenen Vorstellungen, dem eigenen zum Titel vorgestellten Bild, abzugleichen. Das führt häufig dazu, dass das Bild durchfällt.

    Und weiter: "das ist keine Streetfotografie" - na und? Und wir können jetzt bei dem Zitat wieder anfangen.

    ... Auch meine Vorstellung von Rummelfotos würde ich vermeiden, zur Beurteilung heranzuziehen, denn damit mache ich den Fotografen wieder zu meinem Erfüllungsgehilfen, der meine Bilder machen soll. Ich sollte mich auf seine Bilder einlassen.

    Ich finde Bildtitel eigentlich noch ganz gut. Sie lenken die Aufmerksamkeit und geben Auskunft über das Interesse des Fotografen. Natürlich hat jeder seine eigenen Vorstellungen von einer Sache. Aber die können ja auch gebrochen werden.


    Wenn der eine gelesen hat, "Street Photography" beträfe die Beziehungen zwischen Menschen in einem veränderlichen Umfeld, das man nicht gestaltet hat, so sagt das ja noch nichts aus darüber, ob man wirklich, explizit Menschen zeigen soll oder eben nur ihre Machwerke, wie rawitz das tut. Für mich jedenfalls zeigen sich in diesen Buden eine ganze Menge Dinge von und zwischen Menschen. Gut, dass man die expliziten Figuren hier rausgenommen hat, die würden vom Allgemein-Menschlichen nur ablenken, sag ich dazu!


    Ob das Bild durchfällt? Eigentlich ist das egal. Der Fotograf fotografiert ja weniger für belesene Protagonisten als für Leute, die Bilder anschauen. Titel kann man auch wieder ändern.


    rawitzens Bildtitel ist auch ziemlich neutral, bezeichnet nur eine allgemeine fotografische Gattung, nicht dargestellte Handlungen usw.


    Wer mit Titeln nicht umgehen kann und ein real existierendes Bild durchfallen lässt, weil es seine Erwartungen nicht erfüllt, wird eh nicht ernstgenommen.


    Hat man aber eigene Bildvorstellungen, nicht nur Titelvorstellungen, dann finde ich das durchaus spannend, diese mitzuteilen, als Reaktion auf das Bild. rawitz kann sich damit auseinandersetzen und sieht die eigene Leistung klarer. Das öffnet den Weg für Entwicklungen.


    Das bedeutet meiner Meinung nach nicht, dass man sich zum Erfüllungsgehilfen machen muss. Man muss sich nicht immer den Schuh anziehen und fremde Wege gehen. Und jemand mit einer anderen Bildvorstellung kann das dann ja auch für sich selber verwirklichen.

  • Einige noch an mich persönlich gerichtete Fragen will ich gerne noch in Ruhe beantworten.


    Warum fotografiere ich so und warum habe ich diesen Jahrmarkt so fotografiert?

    Als "durchgeknallter Streetfotograf" ist ein leerer Jahrmarkt für mich nicht tot, sondern im Gegenteil über und über mit symbolischem Leben erfüllt. Die Aufmachung der Buden, die Farben, die Werbetexte schreien mich geradezu an und wollen meine Aufmerksamkeit haben.

    Genau deshalb sind sie ja so gestaltet. Und erst wenn der Jahrmarkt leer ohne Menschen ist, kann ich das richtig wahrnehmen.


    Das gilt auch für meine andere Fotografie, die "menschenleere" Streetfotografie habe ich natürlich nicht erfunden, es gibt hier eine jahrelange Tradition von Fotografen wie Meyerowitz, Shore, Sternfeld, Sealand und schon früher in SW wie Evans. Diese Leute haben mir damals die Augen geöffnet, nachdem ich meine Leica schon zur Seite gelegt hatte und mich auf mein Studium konzentriert hatte. Und nicht zu vergessen, vom grossen Wahrnehmungs-Provokateur Eggleston habe ich gelernt, dass man auch über die Schulfotografie mit ihren Perspektivregeln und Gestaltungsschablonen hinausgehen muss, wenn es der Bildaussage dient.


    Aber warum gehe ich auf den Jahrmarkt mit der GF-Kamera?

    Weil diese grosse Symbolszenerie beim genauen Hinsehen aus so vielen kleinen Mikrowelten besteht, die man erst im Grossbild und als Grossvergrösserung einzeln sieht und nacheinander lesen kann. Das ist wie ein spannendes Buch mit vielen Kapiteln, die man auch einzeln lesen kann. Jedenfalls ist das so für mich als "durchgeknallten Fotografen" und das ist auch schon genug.

    Ich kann das erklären wenn es jemanden interessiert, aber ich muss niemanden überzeugen.


    Bei den Fotoproxies hier in Forum kann man das leider nicht nachvollziehen. Ich lege einfach mal einen Bildausschnitt in 1:1 aus den Bild1/linker Rand bei, vielleicht kann man sich das dann vorstellen: Bild 1 explodiert geradezu mit symbolischen Leben.


    Warum ich dann auch noch mit 8x10Handykamera dahin gehe?

    Ich glaube das habe ich oben schon mal erklärt. Und nein - Verwacklungsunschärfen werden von mir auch mit der Handy nicht akzeptiert, hab da schon einiges weggeworfen.


    Ob man mit der Handykamera auch vom Stativ arbeiten darf?

    Darüber habe ich in meinem Alters-Leichtsinn tatsächlich noch nicht nachgedacht. War ja wohl auch nicht so ernst gemeint.


    Gruesse

    Rainer

  • Das hört sich doch alles ganz plausibel an, oder?

  • ging es mir genau um das Gegenteil: um die Architektur des Jahrmarkts, die erst ohne den Menschentrubel in ihrem Eigenleben dargestellt und verstanden werden kann - eben Streetfotografie im besten Sinne.

    Das Thema finde ich naheliegend und gut, weil mit der Fotografie hier etwas gewohntes (Jahrmakt) auf ungewohnte Art und Weise (leer) gezeigt wird. Für mich tatsächlich eher Architektur als Street, aber da streitet man irgendwann nur noch um Worte.

    "stürzende Linien" sind also bei mir immer nur Gestaltungsentscheidungen, keine technischen Probleme mehr.

    Da bin ich leider immer noch am hadern. Ich hätte rein vom Konzept her klassische GF Architektur erwartet. Den wuseligen Bildinhalten tut es bestimmt gut, wenn eine ordnende Hand eingreift. Ich kann mir das Thema auch in schummerig-schiefer Kleinbildfotografie vorstellen.


    So wie du es hier präsentierst ist es für mich leider sehr unentschieden. Für eine wirkliche Dramatisierung, Abstraktion oder Dynamisierung sind die Perspektiven viel zu brav. Für eine echte Architekturfotografie viel zu unsauber.

    Ich sehe den Bildern die Mühen des großen Formates an, zugleich aber auch Dein Bemühen dich davon zu lösen. Leider wirkt das auf mich recht unentschlossen. Das führt dazu, dass die Bilder einen recht beiläufigen Charakter haben - sie wirken so, als ob man sich nicht viel Mühe beim Fotografieren gegeben hat. Alles wirkt wie beim Vorbeigehen kurz fotografiert. Da aber keine Handlung in den Bildern stattfindet, sondern nur "Architektur" zu sehen ist, wirkt das eher wie eine Geringschätzung des Bildgegenstandes: Keine Zeit anzuhalten, das fotografiere ich grad im Vorübergehen...


    Was sollen denn die stürzenden Linien bewirken?

  • Meine Bemerkungen hatte ich vorweggeschickt, um nicht wie früher bei meinen Bildpräsentationen ausschliesslich über "stürzende Linien" zu diskutieren. Deine Kritik, hier nicht konsequent genug zu sein, ist für mich überraschend, aber ich nehme das erstmal so an.


    Vielleicht hilft es, wenn ich einiges zu den Fotos noch sage. Stürzende Linien etc. sind narürlich kein Selbstzweck. in Bild 2 und 3 habe ich diese deshalb weitgehend digital korrigiert, weil es sonst auch einen komischen Einsturzeffekt des Riesenrades gegeben hätte. In Bild 1 sind die stürzenden Linien am rechten Bildrand erhalten geblieben, weil damit auch der aufdringliche Vordrängeleffekt der Werbewand verstärkt wird. In Bild 4 ist perspektivisch von mir fast gar nichts korrigiert worden. , weil das Bild für mich genau so am besten erscheint: alles ein bisschen wild durcheinander ohne Orientierung, was diese Dinger ja im Betrieb beim Benutzer erzielen sollen. Es verwundert nicht, Bild 4 gefällt mir am besten.


    Ich hätte eher erwartet, das meine andere Enscheidung, nämlich die meisten Fotos an den Rändern ziemlich brutal mit anderen Objekten anzuschneiden, Kritik hervorrufen würde. Für mich eine wichtige Entscheidung, weil sich dadurch der Raum öffnet und das Auge sich selbst vorstellen muss, wie es rechts und links weitergeht. Und der Raum gehört für mich mit zur Archititektur des Jahrmarkts.


    Ich lege noch ein Foto bei, das vielleicht weiterhilft mit dem was ich wollte und nicht wollte.


    Ein klassisches Grossformatfoto, das auskorrigiert und in sich stimmig gestaltet ist, dass man nichts daran auszusetzen hat. Gerade deshalb finde ich es langweilig und habe es nicht hereingenommen.


    Gruesse

    Rainer

Participate now!

Don’t have an account yet? Register yourself now and be a part of our community!