Deardorff V8 Reanimation

  • Auf Wunsch aus einem anderen thread hier ein paar Bemerkungen und Bilder zur Reanimierung einer Deardorff V8


    Bin nicht der Typ, der jeden Handgriff mitfilmt und sein ganzes Leben im social web veröffentlicht :) deshalb nur eine kurze Geschichte und ein paar Bilder vom Status quo ...


    Ein guter Freund von mir - Künstler, Photograph - mit dem ich schon vieles gemeinsam "bearbeitet" habe, arbeitet mit einigen "große Dingern" - zB einer der ganz wenigen 20x24 mit Polaroid-Rückteil (aber das ist eine andere Geschichte ...)


    ja - und in 3 großen-Kartons, die er über mehrere Umzüge hinweg nicht geöffnet hat, lagerten diverse gesammelte Teile verschiedener 8x10 Kameras.

    Darunter eine Deardorff V8, völlig verwahrlost, ohne Balgen, mit orangen Nummern überlackiert, innen und außen mit uraltem Gaffer-Tape verklebt, darunter tiefen Verletzungen im Holz und völlig vergammelter Mechanik. Die Grundplatte (besteht aus 4 Teilen) war aufgerissen (und dadurch aus dem Winkel geraten), d.h. die Mechanik klemmte stark, der Laufboden ließ sich kaum bedienen.

    Aber sie war offensichtlich komplett (bis auf den Balgen) - und alle Teile original.

    Die Kamera muss wohl in einem sehr gut gebuchten Studio über viele Jahre verwendet (misshandelt?) worden sein.


    Meine Augen begannen zu leuchten - ich liebe feine Tischlerarbeit und Mechanik und durfte die Kamera zur Wiederbelebung übernehmen.


    Ich hab die Kamera bis in jedes einzelne Teil zerlegt, alle Teile nummeriert und in kleinen Döschen alle Schrauben und Kleinteile etc. sortiert

    Dabei öffneten sich die Fugen am Boden noch weiter - ca 7mm klafften an 2 Ecken - die große runde Metallplatte und die Mechanik zur Laufbodenverstellung hatte die Kamera noch zusammengehalten. Zu diesem Zeitpunkt war ich ratlos, wusste nicht wie ich das wieder hinkriegen sollte. Die 4 dreieckigen Teile waren mit Nut und Feder verbunden und irreparabel verzogen


    3 Wochen Nachdenkpause ... Ich hatte Angst den Boden vollends zu zerstören und suchte nach einer Lösung, das weitgehend auszuschließen


    "Perfection is the enemy of the good" dachte ich mir dann und begann mit einem kleinen Hobel, Schleifmaterial etc. die verzogenen Teile zu behandeln, so dass wieder gerade Kanten entstanden, die Dreiecke sich im Endeffekt wieder zu einem Quadrat fügen ließen. Mit Knochenleim verleimt - das hält bombenfest (und lässt sich wieder öffnen, fals das mal notwendig werden sollte ...)


    Die Motivation war wieder da - jetzt jeden einzelnen Holzteil von Lackresten, Gafferbändern und sonstigen Applikationen befreien, tiefere Verletzungen mit farblich passenden Wachskitt-Stangen schließen, fein schleifen, etc.

    und schließlich mit Schellack-Politur und Bimsmehl zuerst die Poren schließen und dann Schicht für Schicht aufpolieren, eine sehr anstrengende aber von Schicht zu Schicht befriedigendere Arbeit.

    Das Rückteil musste ich austauschen, der Holzrahmen war zu stark vom langjährigen intensiven Kassette raus/rein verletzt - gsd war ein entsprechendes Teil in einer der 3 Kisten zu finden ...


    Sämtliche Metallteile - also die gesamte Mechanik des Laufbodens und die Armierungen an den Ecken des Gehäuses - waren in Originalteilen vorhanden, aber völlig vergammelt, tlw. leider von Oxidation zerfressen (va der innere Teil der vorderen Standarte). Wieder viele Stunden Putz- und Polierarbeit - aber gleichzeitig Licht am Ende des Tunnels - es wurde Zeit, sich nach einem Balgen umzusehen. Hier im Forum wurde ich auf http://www.custombellows.co.uk/ verwiesen - ein guter Tipp, ein feiner und perfekt passender Balgen zu vernünftigem Preis ...


    Ein paar heut schnell geschossene Bilder ...


    hab die Bilder innen gemacht, draußen wärs feiner gewesen - regnet derzeit aber eiskalt und ist insgesamt nicht besonders einladend


    Die Kamera ist im geschlossenen Zustand schon eine elegante Erscheinung - die Mattscheibe ist nicht geschützt - die muss ich übrigens noch auswechseln, ist viel zu dick und nmE viel zu wenig "bright" (im Vergleich zur Bosscreen in meiner 4x5 Linhof)


    Die Stellschrauben haben 2 Größen: Kleine zur Arretierung und Große zur Feineinstellung / Verstellung



    Auf der großen Grundplatte sitzt die Kamera perfekt am Stativ (ein altes Berlebach, das durchaus als Fundament bezeichnet werden kann)


    Man lockert die beiden Stellschrauben außen am Gehäuse und hebt die Spannschnapper leicht an, mit denen das Gehäuse am Boden fixiert ist - und klappt den hinteren Teil der Kamera hoch (die Schienen haben eine kleine Ausnehmung, so dass das Rückteil in senkrechter Position an der Stellschraube einrasten kann). Weiter gehts mit der vorderen Standarte ...





    Vorne ist der senkrechte Anschlag mit den kleinen Schrauben zu fixieren, Front Tilt bzw. die Grundeistellung für die Höhe des Front-Panels wird über die rautenförmigen Stellmuttern rechts und links eingestellt (eine Mitten-Markierung fehlt - aus mir unerklärlichen Gründen ...)


    Dafür gibt es ein sliding front panel, dh man muss die fixierten Stellmuttern nicht lösen um vorne rise and fall einzustellen, sondern löst nur die kleine Stellschraube links am front-panel um die Platine nach oben/unten zu bewegen.

    Das System bleibt dadurch stabil, front tilt kann unabhängig von front rise/fall festgelegt werden


    Durch Lösen der beiden Stellmuttern rechts und links unten kann die vordere Standarte nach rechts / links geschwungen und dann wieder fixiert werden.


    Damit ist eine weitgehend vollständige Verstellung der vorderen Standarte gegeben - und durch das sliding Panel auch sehr gut handhabbar.


    Da gibts nichts zu meckern (abgesehen von der fehlenden Mittenmarkierung)

  • nun zur hinteren Ebene:


    Der hintere Teil der Kamera kann sowohl noch hinten als auch nach vorne geneigt (tilt) als auch nach re/li geschwungen (swing) werden.

    Er ist auf einer Schiene montiert und kann so für kurze Brennweiten innerhalb des Laufbodens nach vorne bewegt werden (leichtgängig "geschoben" bzw. über die große Stellschraube feinjustiert)



    Die vordere Standarte kann am Laufboden nach vorne bewegt werden, die hintere Standarte entsprechend nach hinten.


    Die jeweiligen Verstellungen vorne und hinten bleiben davon unberührt.


    Die Kamera bleibt auch beim Einsetzen der Kassette gut stabil (liegt wohl nicht nur an der Kamera, sondern auch auch am Berlebach ...)


    Ich hab versucht, die Kamera nicht kaputtzurestaurieren - dh es ist mir daran gelegen dass es spürbar ist, wie alt die Kamera ist, was sie schon "gesehen" hat.

    Gebrauchsspuren durften bleiben, es wurde die Oberfläche repariert, aber nicht der Anschein erweckt, hier eine neue Kamera zu haben.

    Die Mechanik funktioniert wieder wie geschmiert - das ist wichtig - und die einzelnen Teile sind wieder frei von den üblen Beschädigungen.


    Insgesamt eine sehr gut durchdachte und gut benutzbare 8x10 Kamera, wie ich meine
















    Jetzt kommt eine indische Rajah dran (war in Teilen auch in der Kiste ...) und dann wende ich mich wieder meinen 6x11 Umbauten alter 116/616 Klapp-Kameras zu ...

  • Danke für die Vorstellung.
    Spannend an den Deardorffs ist auch der Top Rail Fokus der Rückstandarte,
    der es erlaubt zusammen mit dem Zurückkippen der Frontstandarte(Base Tilt) und dem
    axialen Tilt (Senkrecht stellen des Objektivs) sowie Shift nach oben (Objektiv in die Bildmitte),
    sehr kurze Bernnweiten einzusetzen.

  • Danke für die Vorstellung.
    Spannend an den Deardorffs ist auch der Top Rail Fokus der Rückstandarte,
    der es erlaubt zusammen mit dem Zurückkippen der Frontstandarte(Base Tilt) und dem
    axialen Tilt (Senkrecht stellen des Objektivs) sowie Shift nach oben (Objektiv in die Bildmitte),
    sehr kurze Bernnweiten einzusetzen.

    Danke für den superwichtigen Hinweis - hier sehr extrem dargestellt - da kratzt das hintere Element schon an der Mattscheibe ...

    ich freu mich auf weiteres, wer weiß was ich noch alles vergessen hab ...


  • Keine Ursache.
    Ohne Mattscheibe und Balgen geht auch die "berühmte" negative Bildweite.

    Durch die beiden Tiltmöglichkeiten der Objektivstandarte (Axial- und Basetilt)
    gepaart mit dem beidseitigem Basetilt der Rückstandarte ist indirektes Shiften
    nach oben und unten dein guter Freund.

    Mit den beiden Auszügen (Front und Back) bekommst du neben sehr langen
    Bildweiten (Nahaufnahmen und Lange Brennweiten) auch immer eine gute Balance
    in das Gerät. Nebenbei sind 2 kurze Auszüge stabiler als 1 doppelt so langer.
    Beim Backfokus hast du den Vorteil das du nur die Bildweite änderst
    und die Gegenstandsweite konstant bleibt, je kürzer die Gegenstandsweite
    desto wichtiger. Also du änderst damit nur einen Parameter.

    Die ollen Holzkisten sind, wenn gut konstruiert, sehr technische Cameras!

Participate now!

Don’t have an account yet? Register yourself now and be a part of our community!