Aufmerksamkeitsmagnet Stativ

  • Wenn man mit Stativ und etwas länger dauernder Arbeitsweise fotografiert, sind viele Dinge plötzlich anders als beim schnellen iPhone-Foto.

    Bei Architekturaufnahmen erregt man oft in kurzer Zeit die Aufmerksamkeit von Passanten, Hausbesitzern, sich zuständig fühlenden oder von Polizei/Sicherheitsdiensten.

    Erfahrungen diesbezüglich habe ich hauptsächlich sowohl in Deutschland (da kam z.B. einmal die Kommunikationsbeauftragte eines Zementwerks in Wiesbaden mit Begleitern und Visitenkarte zu mir, obwohl ich auf öffentlichem Grund stand) und in den USA gemacht (da war es dann auch schon weniger cremig mit typisch freundlich-bestimmten Auftreten, Kaugummi und Schwerbewaffnung).

    In Belgien und den Niederlanden dagegen scheint man eher entspannt mit Fotografen z.B. in Hafengebieten zu sein, keine Probleme in Antwerpen und Rotterdam.

    Der einzige Trick den ich mir angewöhnt habe ist das Tragen einer Signalweste und das Mitführen eines Straßenhütchens, das gibt einem ein etwas offizielleres Auftreten und trägt auch zur Sicherheit bei.

    Meine Frage: Hatten andere hier auch schon solche Erlebnisse, und wie geht Ihr damit um? Danke!


    Gruß Matthias

  • Neulich kam eine Frau aus dem Bürogebäude und sagte mir sehr freundlich "die Schienen werden noch benutzt, auf denen Sie stehen, seien Sie lieber vorsichtig".

    Oder der Werksschutz einer Zechenanlage in Spanien: ich sei auf Privatgelände und dürfe da nicht fotografieren, naja, ich solle schnell machen.

    Oder der Arzt, der hier aus seinem Haus kam und mich anbrüllte, warum ich sein Haus fotografiere.

    Ich bin meist freundlich zu den Leuten und lasse sie durch die Kamera schauen und erkläre meine ernsten Absichten.

  • In HH ist es total unterschiedlich je nach Stadtteil, in den übelsten Ecken wird man zack bum auf ein Bier eingeladen,
    bei den Neureichen wird auch gern mal die Polizei gerufen. Auf dem Kiez haben mir auch schon mal die Türsteher den Rücken
    unter dem Dunkeltuch freigehalten. In Wald und Flur verteidigen die NABU's jeden cm ihres 'Eigentums'. Da musste die P2 auch
    schon mal als Vermessungsgerät, für das neue 3stöckige Golfresort, im Moor herhalte. Welches ich auch sehr schlimm finde.
    Aber die Kinder müssen ja essen nur darum macht man das ja....
    Das Stativ ist nicht das Ausschlaggebende, es sind die Dinger die da drauf sind.
    Die Sinars werden meist als Bedrohung wargenommen, die Technika meist neugierig, als cooles Retro Dingens
    und die Wisner ist der Showstar und Publikumsmagnet, die wurde noch nie negativ wargenommen. Dafür quatschen
    alle einen voll ob man möchte oder nicht.
    Aber das wichtigste ist wie mit den Leuten umgeht.

  • Steht man mit dem Geraffel am Rand einer Landstrasse, steigen die einen spontan so hart in die Eisen, daß Auffahrunfälle nur mit Mühe vermieden werden können.

    Das ist in der Wohngegend hier auch immer schön zu beobachten, da ist zu Glück die Gefahr nicht so groß …


    Dafür quatschen alle einen voll ob man möchte oder nicht.

    Das habe ich in meinen wenigen Ausflügen auch schon erdulden müssen …

  • Das geht sogar ohne Stativ: Die Malefic erregt auch durchaus Aufmerksamkeit. Und nette (!!) Schwätzchen gibt es dazu. Mit Stativ ist es bei mir bisher fast immer gut gelaufen, freundliche Passanten, die dann nicht passieren, sondern sich wirklich interessieren, sowohl in D als auch in F. Das lässt sich ertragen.


    Ein unerfreuliches Erlebnis gabs vor 20 Jahren bei mir in Bochum. Da habe ich ein Treppenhaus im Technologiequartier von der anderen Straßenseite fotografieren wollen. Ein sehr unfreundlicher, sehr massiver Securitytyp - so etwa das Doppelte von mir - hat mich übel angemacht und mit Polizei etc gedroht. Das war zwar definitiv Unfug, aber ich habe den Weg des geringsten Widerstands bevorzugt. Ich tauge nicht zum Helden.

  • In Indien gilts du bei den einigen Sehenswürdigkeiten, wie dem Taj Mahal, mit Stativ als Profi und musst einen Aufschlag auf den Eintrittspreis zahlen. Ich kann dir jetzt nicht sagen wieviel das ist, aber wenigstens ist damit die Rechtefrage gleich geklärt.


    Gruss Sven.

    Dafür reicht auch schon Kulmbach, wo man die Plassenburg offenbar für den fränkischen Taj Mahal hält. (Letztes Jahr erlebt, Bayerische Schlösser- und Seenverwaltung) :)

  • Eigentlich finde ich solche Einschränkungen, wie Sven sie aufgezeigt hat ganz OK,
    grad in der heutigen Zeit ,wo die Welt Fotos für ein immer und überall verfügbares Gut hält.
    Früher habe ich für gute Bilder gutes Geld bekommen und gut war.
    Heute ist der Markt so überschwemmt, das es sich für viele Kollegen fast nicht
    mehr lohnt. Ich möchte nicht wissen wieviele Brot und Butter Jobs jetzt
    von dem netten Knipser, ohne Aufwandsberechnung und Rücklagenbildung, aus Hobby übernommen werden.
    Es ist halt meine Meinung, das solche und grössere Einschränkungen auch einen Schutz bieten.

  • Ich habe da nur positive Erfahrungen (bis jetzt). Da wird man im schnitt von jedem dritten oder vierten Passanten angesprochen. Besonders neugierig ist das ältere Kontingent und wenn es die Zeit zulässt kommt es fast immer zu einer Unterhaltung. Ist das der Fall, steht irgendwann der schon der einer oder der andere neben dem „Stativ“ und lässt sich von allen Seiten mit dem Telefon für alle Ewigkeiten abknipsen. Neulich hat ein Fischer geduldig gute zwei Stunden gewartet biss ich den Platz freigegeben habe.

  • Von den Wichtigtuern und selbsternannten Nachbarschaft-Sheriffs über besorgte Hausbewohner, die Angst vor Einbrechern haben, oder die ängstliche alte Dame, die in mir den städtischen Vermesser vermutet und meint, man käme jetzt bald ihr Haus abreissen, bis hin zu den Autofahrern, die aus Angst vor einem Blitzer eine Vollbremsung hinlegen, ... ich hab sie alle schon gehabt.

    Da sind mir die freundlich interessierten Passanten, die mir ein Gespräch aufdrängen wollen, oder die spielenden Kinder, die mich umringen und froh sind, dass endlich mal was los ist, noch am liebsten.


    Ich habe die besten Erfahrungen damit gemacht, kurz aber freundlich Auskunft zu geben. Mit Wichtigtuern über Panoramafreiheit zu diskutieren, ist meistens völlig fruchtlos. Wenn man einfach weiter macht und dabei völlig sicher und professionell wirkt, ziehen die nach einer Weile mit der gemurmelten Drohung, man solle aber ihr Haus nicht fotografieren (welches meistens zig Meter weit entfernt ist und mich eh nicht interessiert) wieder ab, um zuhause mit stolzgeschwellter Brust Bericht zu erstatten.


    Da den meisten Hausbesitzern irgendwie doch klar ist, dass man zum heimlichen Auskundschaften eines möglichen Einbruchsobjektes nicht gerade mit Stativ und Riesenkamera anrückt, kommen die eher aus dem Haus gelaufen, wenn ich ihr Haus mit der Spiegelreflexkamera aus der Hand fotografiere. Wenn die mich ansprechen, habe ich eine Visitenkarte parat, die dann normalerweise sofort die Wogen glättet, weil die sich dann schon denken, dass ich als potentieller Einbrecher kaum vorher Namenskärtchen verteile. In einigen Fällen sind daraus sogar schon Fotoaufträge entstanden.


    Insofern kann ich gar nicht sagen, dass es mit Stativ generell schwieriger wäre. Zumindest nicht hier bei uns.

    Wenn ich aber in Asien bin, ist das aber etwas völlig anderes. Da hab ich die Kamera noch nicht auf dem Stativ montiert und bin schon von neugierigen Menschenmassen umgeben. Jedes Motiv ist damit sofort hinüber (es sei denn, es sind die Menschenmassen, die ich fotografieren möchte). Daher arbeite ich dort mit Handkameras und nehme nur selten ein Stativ.

  • ja, da hat jeder wohl schon seine verschiedenen Erfahrumgen sammeln können..Schwätzchen entstehn fast automatisch ( wenn man möchte) oder auch dass man selbst fotografiert wird wenn man unter dem Dunkeltuch hantiert. Je nachdem wie lange man das Foto macht, wird es halt 'auffälliger', ok ne Technika schnell aufgebaut und hab damit auch schon innerhalb 1 Min Aufbauzeit ablichten können, Schnellschuss quasi.

    Lustig war einmal hier im Münchner Botanischen Garten eine ältere Dame die ganz vorsichtig fragte ob ich der Elefantenmensch sei ( wg Dunkeltuch).

    Dieselbe Dame fragte war dann doch neugieriger und wollte dann wissen was man auf dem Glas sehen könne..ich werkelte dann am Stativ rum, messen etc und dachte sie is schon weg..plötzlich bemerkte ich unter dem Tuch einen zweiten Kopf neben mir..hat sie einfach hochgelupft. lol.

  • Lustigere Erlebnisse hatte ich allerdings schon auch.


    Ein Herr vom Fotoclub der örtlichen Großindustrie hat gefragt ob er mich ansprechen darf (da war wohl das neue Gitzo Systematic beeindruckend), ich habe ihm dann natürlich alles erklärt was ich gerade mache.


    Was auch gerne passiert: Hinweise auf interessantere Motive in der Umgebung, z.B. das Dammwildgehege statt des Fahrsilos eines Bauern.

  • Man muss den Leuten nicht „böse“ sein das Sie so mistrausch gegenüber einer „großen“ Kamera sind. Es lauft nach dem Motto; je größer die Kamera, desto größer ist das Arschloch das hinter der Kamera steht. Ich habe ziemlich oft „Kollegen“ erlebt die eine Kamera als Eintrittskarte für jedes verbotene Loch verwendet haben. Manche hätten sogar für ein „geiles Bild“ mit dem Brautpaar in der Brautnacht ins Bett gestiegen. Peinlich, peinlich. Aber der geworfene Schatten bleibt.

  • Interessant ist in diesem Zusammenhang nur die Schizophrenie des Verhaltens das sich entwickelt hat.
    Auf der einen Seite die Angst vor der Camera im der Hand eines Fremden und auf der anderen Seite wird 24/7 das Wachstum
    der Nasenhaare im eignen linken A...loch in bunten Fernsprecher-Bildchen über den Globus gepostet.
    Nebenbei lauert da auch noch die Gier nach Sensationen, wie der Handy-Voyeurismus bei Ereignissen mit
    Todesfolge zeigt. Da hat das Wort 'EgoShooter' doch gleich eine neue Bedeutung.

  • Hört sich vielleicht merkwürdig an, aber hier in Bern fragen die Leute durchaus auch mal, ob man die Bilder kaufen kann. Sie denken sich vielleicht, das sei besser, als das Gerät selber herumzutragen, was weiss ich. Die Schweizer sind sehr fotoaffin. Hier hat es viele bewusstseinsbildende Fotoinstitutionen von solider Qualität.


    Sie wundern sich aber fast immer, dass es analog ist, mit alten Kameras, obwohl die ja noch lange gebaut wurden, siehe Sinar, glaube ich. Ich war mal an einem Flüsschen, da fragte mich einer aus, der sich zufällig mit seiner Frau sonnte, der wusste besser bescheid über Sinar und die Objektive als ich, paff, einfach so. Er war anscheinend früher mal Fotograf.


    Stative sind hier durchaus als normal anzusehen. Es drückt halt ein bestimmtes Engagement aus, ein Statement. Die Leute kaufen sich ja auch Digitalkameras ab 4000 Franken. Jemand mit Stativ macht vielleicht die besseren Bilder, aber das zum Budgetpreis, und damit auf sozial niedrigerer Ebene - kostet eine gewöhnliche IWC doch schon das Fünffache (ich kenne eine Jugendliche, die spart für die eine Rolex, die sie ein Leben lang benutzen wird).


    Wenn jemand ein Gespräch mit mir will, sage ich, dass ich mich grad konzentrieren muss, sonst mache ich Fehler. Dafür gebe ich eine Visitenkarte raus mit QR-Code zu meiner FAQ. Die Leute fragen dann gar nicht mehr nach. Hoffentlich besuchen sie aber meine Website.

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