Mit der Superb im Stadthafen

  • Für einen Film mit Testbildern bin ich mit einer Voigtländer Superb (mit Skopar 3,5/75, von 1933), die ich seit ein paar Tagen habe, in der Mittagspause durch den Rostocker Stadthafen gelaufen. Fomapan 100 in Rodinal 1:50, alle Bilder aus freier Hand bei mittleren Blenden (8-11). Vom Negativ gescannt und digital etwas nachbearbeitet. Das Skopar ist abgeblendet überall scharf und kontrastreich, die Superb macht Spaß.








    Die alten Hafenkräne mag ich als Motiv. Mal wieder mit einer Kamera ohne Verstellungen zu arbeiten und nicht krampfhaft die Senkrechten gerade stellen zu wollen war mir ein Anlasss, die Perspektiven mal ein bißchen schräger anzugehen... Und an das quadratische Format muss ich mich auch erstmal wieder gewöhnen.


    Und ich finde es interessanter, sowas mit einer Kamera von 1933 zu machen als mit modernem Gerät.

  • Dass die damals nicht selbst auf die Idee kamen, so zu fotografieren (bzw. schon, aber vermutlich nicht einfach so): das sagt einiges aus über uns heute!

    Versteh ich nicht. Wer ist "die", wann ist "damals" und was meinst du mit "so" fotografiert?


    Vermutlich liege ich komplett falsch - sollte es sich aber um die implizite Vermutung handeln, dass "Fotografierende" vor ca. 90 Jahren nie mit starken Untersichten gearbeitet hätten, dann empfehle ich die Lektüre zeitgenössischer Fotoliteratur.

  • Versteh ich nicht. Wer ist "die", wann ist "damals" und was meinst du mit "so" fotografiert?


    Vermutlich liege ich komplett falsch - sollte es sich aber um die implizite Vermutung handeln, dass "Fotografierende" vor ca. 90 Jahren nie mit starken Untersichten gearbeitet hätten, dann empfehle ich die Lektüre zeitgenössischer Fotoliteratur.

    Gemach Gemach, nicht so stürmen ...


    Erstmal vorneweg finde ich die Bilder sehr gut, weswegen das Herzlein.


    Dies geklärt, frage ich mich wegen der sehr sauberen Disposition und der restriktiven Motivauswahl, wie beabsichtigt das alles ist, und ich denke, sehr.


    Das ergibt sogleich die Frage nach der Kunsthöhe und ob und wie hier einfach Gemeinplätze aus den 1920er bis 1930e Jahre reproduziert werden. Nun ja, Neue Sachlichkeit oder die avantgardistische Produkt- und Sach- bzw Industriefotografie hatten durchaus ein neues Sehen etabliert.


    Was ich mit der Einschränkung "schon, aber vermutlich nicht einfach so" konzedierte. Worauf Du den Verweis auf die zeitgenössische Literatur anbringst.


    Aber da haben wir es ja: "Literatur", womöglich noch aus den Zwanzigern? Avantgarde? Das von den Nazis verfemte Bauhaus? - Ich wage zu bezweifeln, dass die breite Masse einen Kran damals so sah wie wir / Vidom heute.

  • Das ergibt sogleich die Frage nach der Kunsthöhe und ob und wie hier einfach Gemeinplätze aus den 1920er bis 1930e Jahre reproduziert werden.

    Das kann vielleicht der "Künstler" beantworten: Ja, natürlich hatte ich beim Blick auf die Mattscheibe Rodtschenko (et.al.) im Sinn... Aber so ein Intellektueller bin ich nun nicht, und sowas hat der Rodtschenko schon selbst besser hingekriegt, dafür hängt er jetzt im Museum und nicht ich.


    Die Wirklichkeit ist doch viel profaner - ich bin mit einer alten Kamera durch die Gegend gezogen, die ich nach Spontankauf und Wartungsarbeiten am Verschluss ausprobieren wollte; weder wollte ich große Kunst schaffen, noch irgendeinen Stil emulieren. (Ich war schon froh, überhaupt was auf dem Film zu haben - ich habe die Herausforderung der alten Technik noch dadurch gesteigert, dass ich anstelle modernerer Meßtechnik einen alten Samoca-Selenbelichtungsmesser für die Belichtungsmessung genommen habe. Wahrscheinlich haben sich die Meßfehler des Belichtungsmessers und die Ungenauigkeit des Verschlusses gegenseitig ausgeglichen...) Die in Gehweite von meinem Arbeitsplatz aus auf die Schnelle verfügbaren Motive sind ebenso begrenzt wie die Möglichkeiten ihrer fotografischen Interpretation, beim geraden Blick auf die Kräne wäre zuviel störendes Geraffel im Bild gewesen, und die graphischen Strukturen der Kräne (und Masten) haben mich dank vieler Diagonalen und Dreiecke in der Untersicht ästhetisch mehr angesprochen als die platte Draufsicht. Künstlerisch sind das, in der Tat, breit ausgetretene Pfade. Ich kann das jetzt natürlich auch als Verneigung vor dem Konstruktivismus oder der neuen Sachlichkeit verkaufen...

  • Die Kamera von 1933 zwingt dich halt zum Denken, du kannst dich aber auch mit einer modernen Kamera selbst zum Denken zwingen,
    nur man muss das auch wollen!

    Nein, das ist bei mir mehr der Spaß an der alten Technik, das Denken kommt dann als Bonus dazu. Die Superb ist wunderbar verschroben - Parallaxausgleich durch Verschwenken des Sucherobjektivs, Wasserwaage am Mattscheibenrand, Prisma zum Ablesen der eingestellten Verschlusszeit, die dafür spiegelverkehrt auf den Zeitenring graviert ist, waagerechte Filmführung... UND man kann schöne Bilder damit machen.

  • ich habe die Herausforderung der alten Technik noch dadurch gesteigert, dass ich anstelle modernerer Meßtechnik einen alten Samoca-Selenbelichtungsmesser für die Belichtungsmessung genommen habe. Wahrscheinlich haben sich die Meßfehler des Belichtungsmessers und die Ungenauigkeit des Verschlusses gegenseitig ausgeglichen...)

    Öhmmm, da redest Du Dir aber jetzt eine vermeintliche Heldentat ein... 8o


    Bei DEM Licht, DIESEN Motiven und SW-Negativfilm braucht man überhaupt gar keinen Belichtungsmesser. :saint:

  • Das gibt sich, glaub mir. Nur noch ein paar Filme üben, und Du wirst es draufhaben (und nie wieder verlernen). :thumbup:

    Ja, von Sunny 16 habe ich auch schon gehört, aber wenn man bei bewölktem Himmel oder im Schatten nicht genug Belichtungszeit drauf gibt, ist beim Fomapan die Schattenpartie auf dem Negativ gern auch mal komplett durchsichtig, und wenn man's mit der Belichtung übertreibt, kriegt man die Kornwüste. Und Bewölkung haben wir hier in allen Schattierungen, von licht bis zappenduster, das korrekt einzuschätzen erfordert mehr Erfahrung, als ich vermutlich je haben werde. Da messe ich lieber weiter.

  • Künstlerisch sind das, in der Tat, breit ausgetretene Pfade. Ich kann das jetzt natürlich auch als Verneigung vor dem Konstruktivismus oder der neuen Sachlichkeit verkaufen...

    Heute breit ausgetreten. 1933 mitnichten. Man muss immer bedenken, dass das, was an Leuchttürmen vorhanden war, selten in die zeitgenössische Peripherie ausstrahlte. Dagegen wabern dort die Nebel, was uns aus heutiger Sicht die Leuchttürme noch viel strahlender sehen lässt.


    Vielleicht kann ich meinen Gedanken besser als Frage formulieren: wer kaufte sich denn damals eine Superb, und wofür?

  • Vielleicht kann ich meinen Gedanken besser als Frage formulieren: wer kaufte sich denn damals eine Superb, und wofür?

    Na ja, das werden die Leute gewesen sein, die eine Zweiäugige wollten und denen die Rolleiflex Standard zu teuer war; Voigtländer hatte - laut Werbung - den anspruchsvollen Amateur ("discriminating amateur" - ich konnte nur einen englischsprachigen Prospekt finden) vor Augen, den wir heute neudeutsch "Prosumer" nennen.


    Ach, bei genauerer Betrachtung ist das doch nicht ohne Ironie - Konstruktivismus und neue Sachlichkeit feierten (oder adressierten jedenfalls) mit den damals modernsten Kameras den technischen Fortschritt als Objekt künstlerischer Befassung, und ich nutze die seinerzeit entstandene Bildsprache für das Gegenteil, nämlich mit einer 89-jährigen Kamera obsolete Technik zu fotografieren.

  • Sehr schöne Aufnahmen.

    Die damals noch recht neuen MF und KB Kameras ermöglichten das Fotografieren aus der Hand. Die Monster Reflexkameras lassen wir jetzt mal außen vor.

    Es wurde als das "Neue Sehen" propagiert, frei von den alten Zwängen alles "gerade, pünktlich, Schulz" zu fotografieren. Ich finde diese Fotografie deutlich interessanter als die statische von den Fotografen der US Westküste, ist aber Geschmackssache.


    Die Superb ist ein klasse Gerät und natürlich immer noch wunderbar zu nutzen.

    Der Preisunterschied zur Rolleiflex war nicht so groß.

    Die Superb ist eine der aufwendigsten Kameras die Voigtländer je gebaut hat.

    Allein die Einstellfassung ist schon ein Traum, ein 48 gängiges Gewinde, wenn ich mich nicht verzählt habe, davon konnte Rollei damals nur träumen. Genial auch das schwenkbare Sucherobjektiv für den Paralaxen Ausgleich, eine eingebaute Wasserwage hatte sie auch noch.

    Was die Rollei dann auch nicht hatte war das Heliar, das war nun mal den Voigtländer MF Kameras vorbehalten.

    Das Skopar ist aber ebenfalls eine super Optik und steht dem Tessar in nichts nach, es ist mindestens genauso gut.

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