Kameraverstellungen - Herangehensweisen, persönliche und technische Lösungen

  • Ich habe ein paar grundsätzliche Überlegungen zu Kameraverstellungen notiert, die ich hierher übertrage. Ein mögliches Kriterium für die Entscheidung für die Großformatfotografie sind die Kameraverstellungen. Es könnte um persönliche Herangehensweisen gehen oder /und um die Vorzüge und Nachteile von Kamerakonstruktionen.


    Vorteilhaft ist, wenn eine Kamera so verstellt werden kann, dass

    - das Bild nicht wandert, wenn man die Objektivstandarte vertikal oder horizontal schwenkt

    - bei Verschwenkung des Objektivs zur Verlagerung der Schärfenebene im Raum Linien im Objektfeld in der Schärfe bleiben und nur eine zweite - horizontal oder vertikal - auch in die Schärfe geholt werden muss.

    Anmerkung zu TS-Objektiven: da wandert das Bild bei einer Schwenkung des Objektivs. Als Folge muss dann der Bildausschnitt durch Drehen der Kamera korrigiert werden, wonach die Schärfenebene wieder nicht stimmt. -> pröbeln

    Noch Grundsätzliches:

    Zuerst stellt man das Objektiv auf an der Stelle, von wo aus die Betrachtung gefallen hat. Dort bleibt das Objektiv, denn sein Ort bestimmt die Ansicht der Szene.

    Dann stellt man mit der hinteren Standarte die Schärfe ein und durch eventuellen Drehen oder Neigen die Projektion - wenn die Kamera das zulässt - und verschiebt dann die Standarte, bis der Bildausschnitt stimmt.

    Dann verändert man - falls nötig - die Lage der Schärfenebene - ohne dass das Objektiv seinen Ort verlässt!

    Je weniger eine Kamerakonstruktion diese Prinzipien unterstützt, desto länger braucht man, um mit den Einstellungen UNGEFÄHR das Ziel zu erreichen.

  • Ich finde das ein sehr sinnvolles, methodisches, systematisches Vorgehen.

    Ich denke aber, ein jeder hat da seine eigenen Präferenzen. Man muss ja selber händisch damit klarkommen, und nicht jeder hat eine mehrmonatige oder mehrjährige Ausbildung oder Berufspraxis, in der die Methode in Fleisch und Blut übergeht.

    Ein anderer Aspekt ist die Doktrinierung. Sinar baute ihre Kameras und vermarktete diese. In der von Sinar herausgegeben Fachliteratur wird gerne die Linhof Technika als Vergleichsobjekt vorgestellt. Als ob Linhof nicht auch noch Kameras auf der optischen Bank gebaut hätte, in Form der Kardan MAster GTL sogar mit Tiefenschärfeindikator und asymmetrischem Tilt ...

    Von Sinar wird gerne auf die Einschränkungen der Laufbodenkamera hingewiesen, eben, anhand der Linhof Technika. Das wird der Sache aber nicht gerecht. Denn erstens nähme man keine F oder P2 mit auf Wanderschaft, sondern eher eine Technika, die leichter, stabiler und kompakter ist. Zweitens bevorzugte ein Fotograf, der mit einer Technika draußen fotografiert, vermutlich auch Linhof drinnen.

    Äpfel mit Birnen zu vergleichen und dann die Superiorität des eigenen Systems zu behaupten, obwohl man überhaupt keine konkurrenzfähige Alternative aufzuweisen hat, eine Laufbodenkamera von Sinar gibt es nicht, das ist für mich Augenwischerei.

    Dabei ist für mich die Sinar ein sehr gutes Arbeitsgerät. Zum Glück gibt es Adapterplatinen und genormte Rückteile für den, der eine Sinar braucht.

    In der Praxis gehe ich so vor, Achtung, andere machen das anders, besser, effektiver:

    • Ich stelle einfach die Kamera auf, so dass ich grosso modo das gewünschte Bild sehe, das ich dann auch noch grob scharfstelle.
    • Bei diesem Aufbauen der Kamera würde ich darauf achten, dass die Bildstandarte gerade steht, ebenso die optische Bank, mit einer Wasserwaage, die ich an die Mattscheibe halte.
    • Dann verschiebe ich die Mattscheibe so, dass ich den gewünschten Bildausschnitt kriege.
    • Sodann schwenke ich entweder die Front oder das Rückteil, für die Verlagerung der Schärfenebene nach Scheimpflug. Bei Rückteilschwenkung übertrage ich die gefundenen Werte auf die Front und stelle das Rückteil wieder zurück ins Lot.
    • Dann kontrolliere ich nochmal die Schärfe.

    Aber. Das funktioniert nur bei Kameras auf der optischen Bank, Sinar. Das funktioniert nicht unterwegs, mit meiner Laufbodenkamera, der Technika.

    • Hier stelle ich die Kamera so auf, dass das unverstellte Gesamtsystem grob auf das Objekt weist.
    • Ich stelle das Rückteil mit der Ghäuselibelle oder ggf. die Mattscheibe mit den vier Schrauben für die technische Rückteilverstellung senkrecht.
    • Dann stelle ich zuerst mal die Front senkrecht, wenn sie es nicht schon ist, und verschiebe ggf. das Objektiv so vor der Mattscheibe, dass ich den intendierten Bildausschnitt kriege.
    • Sodann schwenke ich die Front, bis die Schärfenebene stimmt.
    • Dann kontrolliere ich den Bildausschnitt. Falls der nicht stimmt, justiere ich per Shift nach und passe auch die Schärfe wieder an.

    Ansonsten beherzige ich den Rat von Linhof: "Keine Angst vor Kameraverstellungen!" - Das Analysieren des Bildraumes, das Planen von Positionierungen und Verstellungen, das praktische Ausprobieren: das ist Teil des äußerst befriedigenden Prozesses, mit einer GF-Kamera zu fotografieren.

  • Zum Aspekt Kamarakonstruktion kommt die sogenannte Torkelfreiheit. Das ist ein Thema, wenn bei Unter- oder Obersicht das Objektiv gleichzeitig geschwenkt und geneigt werden soll. Die Torkelfreiheit wurde bei meiner ersten Großformatkamera durch sehr lange Standartenwege weitgehend ermöglicht. Andere Hersteller nutzen eine Basisneigung der Standarten. Die sollte allerdings stabil ausgeführt sein und bei dieser Konstruktion muss die Parallelität der Standarten neu hergestellt werden - falls diese gewünscht ist.

  • Ich hatte vor einigen Jahren mal einem englischen Foto-Freund mein Verfahren via Email geschildert.


    Hier der damalige Originaltext (so machte ich es zwar nicht immer, aber immer öfter...):


    For several years I have been photographing with a large format camera. One of the key reasons was the variety of adjustment options. To find the correct tilt angle I had first dealt with the Scheimpflug method, then got to know the Merklinger way, and have now found another way how to get the camera adjusted quickly and accurately to the correct focal plane.

    As is well known, the Scheimpflug method relies on the lens plane, the film plane and the sharpness plane having to intersect in a common line to obtain a sharp image.

    With Merklinger (Scheimpflug based) there is instead a so-called hinge, whose position is found by placing parallel to the film plane an imaginary line from the lens center to the desired sharpness plane, then determining this distance, and then calculating the required tilt angle with this value and the focal length of the lens (with the help of a calculator with trigonometric functions).

    By operating the focusing knob you can then pan around the sharpness plane around the hinge.

    The method I found now, works the following way:

    You adjust as usual both standards parallel. Then you focus on the farthest point, measure the position of the front standard, focus on the nearest point, measure the new position of the front standard, determine the difference (“DF”), determine the vertical distance of both points on the ground glass (“DG”), take your pocket calculator and type in this formula:

    tan-1(DG/DF)

    and receive the correct tilt angle!

    It doesn’t matter, where you measure the position of the front standard, you only need the difference of the bellows extension.

    For measuring on the ground glass it is helpful to have one with a grid.

    Example:

    starting position both standards are vertical; results of focusing=> DF = 5mm, DG = 50mm

    tan-1(50/5)=84,3°

    The front standard has to be tilted from 90°to 84,3° forwards or backwards (depending on whether the nearest point of your subject is below or above the farthest point), focus again, done!

    In my eyes the advantage is, that you can take all the measures quite exactly direct on your camera and you don’t have to fiddle around with trial an error.

  • Und wie misst du den Winkel? Und mit welcher Genauigkeit?

    Da habe ich zwei kleine Helferlein:

    1) Immer dabei:

    Shinwa Mini-Winkelmesser | Winkelmesser | Dictum
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    www.dictum.com

    oder

    2) hin und wieder sowas:

    Digitaler Gehrungsfasenviereck Magnetisch ± 180 ° (0~360 °) Grad Winkelmesser für Winkelmesser
    Digitaler Gehrungsfasenviereck Magnetisch ± 180 ° (0~360 °) Grad Winkelmesser für Winkelmesser
    www.amazon.de

    (wobei ich meinen nicht bei diesem Anbieter gekauft habe)

  • An der Sinar stehen Winkel dran; Die Rechenscheibe, die man von Walter Schön beziehen kann, die rechnet den super aus.

    Man kann aber auch einfach auf der Mattscheibe alles regeln...

    Zu der Formel oben, was gebe ich in zB Excel genau ein? Bei Excel geht alles mit Bogenmaß, aber die "hoch -1" verwirren mich auch. Wie würde man es in einem Taschenrechner mit Funktionen exakt eingeben? Wenn ich eingebe 1/tan(10) = 5,6.... Das passt zu den 84,3, aber ist das richtig?

    Grüße

    Gerhard

  • An der Sinar stehen Winkel dran

    Die Sinar F nutzt die Fokusdifferenz um den Winkel anzuzeigen, der einmal ausgelesen und dann eingestellt werden muss. Bei der P entfällt das alles, da arbeitet man komplett auf Sicht - und zwar dank der asymmetrischen Anordnung der Drehpunkte ohne pröbeln. Der Erste Fokuspunkt wird auf die gestrichelte Linie gelegt und man kann dann soweit Schwenken, bis ein gewünschter zweiter Punkt scharf wird, wobei der erste Punkt scharf bleibt. Ich hab mal ein Video dazu gemacht, vielleicht schaffe ich es mal das hochzuladen.

  • Wobei Sinar ja empfiehlt, den Schwenk mit der Rückstandarte auszuführen "weil die allgemeine Schärfe wandern würde..." und dann den Winkel abzulesen und auf die Front zu übertragen; die Bildstandarte dann wieder auf 0 und noch mal die Schärfe nachjustieren. Das geht schneller als man das hier schreiben oder lesen kann.

    Funktioniert natürlich nur bei Kameras, bei denen man die Rückstandarte ebenfalls weit verstellen und die Winkel ablesen kann.

  • Die Sinar F nutzt die Fokusdifferenz um den Winkel anzuzeigen, der einmal ausgelesen und dann eingestellt werden muss. Bei der P entfällt das alles, da arbeitet man komplett auf Sicht - und zwar dank der asymmetrischen Anordnung der Drehpunkte ohne pröbeln. Der Erste Fokuspunkt wird auf die gestrichelte Linie gelegt und man kann dann soweit Schwenken, bis ein gewünschter zweiter Punkt scharf wird, wobei der erste Punkt scharf bleibt. Ich hab mal ein Video dazu gemacht, vielleicht schaffe ich es mal das hochzuladen.

    Ich habe da immer das Gefühl, mein Schaffen auf gestrichelte Linien einzuschränken.

    Schon die Norma hatte eine skalenbesetzte achsiale Verschiebung zur Ablesung des Neigungswinkels durch Fokusdifferenz, vorne und hinten, in Form der längslaufenden Skalen an Front- und Bildstandarte. Was man dort abliest, stellt man an der Standarte ein. Die P-Kameras haben diese Winkelmessskala immer noch, ebenfalls vorne und hinten. Man braucht weder Winkelmessgerät noch Taschenrechner.

    Ich halte die Norma persönlich für die beste der Sinarkameras außerhalb geschlossener Räume, weil sie leicht ist wie die Sinar A und stabiler als die P und eben bereits diese Zweipunktmessung des Einstellwinkels bietet.

    Jedenfalls war es mir bisher immer wieder vergönnt, mit der Norma draußen gute Bilder zu machen, und den extralangen Horsemanbalgen mit dem 480er trägt sie auch gut - auch wenn ich aus Gründen der Kompaktheit, für unterwegs lieber eine Laufbodenkamera nehme, die eine andere Fokussierung erfordert. Schade, gibt es keine Winkelmesskala für die Technika ... Hier stelle ich mir den Gebrauch eines Klinometers sehr sinnvoll vor.

  • Bei dem Entwurf für eine Studiokamera ist von Bedeutung, ein Layout exakt mit der Kamera verwirklichen zu können - und zwar flott.

    Zum Glück muss ich das nicht, als Dilettant und Amateur.

    Ich bin auch davon ausgegangen, dass der Thread sich an Einsteiger richtet, die nicht wissen, wie man fokussiert. Wir wollen doch keine Eulen nach Athen tragen.

    So pflege ich zu sagen: "Besser einfach anfangen und ausprobieren, als einen unbesteigbaren Berg aufzutürmen."

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