KI und Urheberrecht: Recherche nach eigenen Werken

  • Ja, da gebe ich Dir recht.

    Ich würde sogar soweit gehen, dass ein Bild für mich nur dadurch interessant ist, dass es sich ab einem bestimmten Moment von der Abbildfunktion löst und ein "künstlerisches Gefüge" zeigt.

    Wie der Wurm, der sich auf dem Tigerteppich rollt und merkt, dass er sich hin und her bewegen kann und jeweils andere Gefühle, Ansichten, Erreichbarkeiten, Bewegungsoptionen hat, lerne ich dann, mich in den künstlerischen Strukturen zurechtzufinden, und das ist dann meine "Wahrheit". Ich nehme die Sachen wahr, und sie erhalten eine - zeitlich begrenzte - Gültigkeit.

    Aber: das ist ein exotisches Interesse, Feinschmeckerei, Ästhetentum.

    Bilder werden ja auch fabriziert, damit Leute handeln, worauf oben verwiesen wurde. Für mich sind Bilder ein Mittel, die empirische Wirklichkeit, den Alltag zu suspendieren, zu unterbrechen, um mich auf etwas neues einzulassen. Andere gehen ins Theater oder Kino. Für andere sind Bilder aber Mittel, die empirische Wirklichkeit umzuformen, das Handeln der Leute zu bestimmen, am besten so, dass diese eben nicht genau hinschauen ...

    Man wiegt sie "sinnlich und kategorial" in einer gewissen Sicherheit, dass alles so ist, wie sie es für-wahr-nehmen, um ihnen gleichzeitig etwas unterzujubeln, was einer näheren Beschäftigung damit eigentlich gar nicht standhält.

  • Ich würde sogar soweit gehen, dass ein Bild für mich nur dadurch interessant ist, dass es sich ab einem bestimmten Moment von der Abbildfunktion löst und ein "künstlerisches Gefüge" zeigt.

    Ja, das "Gefüge" fügt aber ja der Betrachter hinzu - und da spielt natürlich neben dem Bild an sich auch die spezielle Disposition desselben eine Rolle. Wo der einen ein Gebüsch sieht sieht der andere ein künstlerisches Gefüge.

    Das Besondere an der Fotografie ist doch, dass sie in einem besonderen Spannungsverhältnis von Subjekt und Objekt steht. Und ich bin da nach wie vor vollkommen bei Roland Barthes: Eine Fotografie hat eben auch die Eigenschaft in der Betrachtung als Medium komplet zu verschwinden. Zeigt mal ein Foto von einem Gebüsch einem Gegenüber und frag was das ist. Die meisten werden sagen: "ein Gebüsch" - obwohl sie doch eine Fotografie von einem Gebüsch sehen. Jede Fotografie hat also unabhängig vom Betrachter und dessen Wissen ein Versprechen in sich: "so-ist-es-gewesen". Mir ist klar, dass Barthes die Sache durchaus komplexer aufbaut, aber das Vorhandensein des Referenten ist schon ein entscheidender Punkt in der Fotografie. Und genau das ist es ja, was Bilder die von einer KI erstellt werden nicht mehr haben - zumindest nicht unmittelbar und nachvollziehbar.

    Davon ausklammern kann man ja auch das Problem der Wahrheit. Wie bei der Malerei ja auch, dort wurde ja ebenfalls oft beansprucht "wahres" Abzubilden.

  • Ja, das "Gefüge" fügt aber ja der Betrachter hinzu - und da spielt natürlich neben dem Bild an sich auch die spezielle Disposition desselben eine Rolle. Wo der einen ein Gebüsch sieht sieht der andere ein künstlerisches Gefüge.

    Das Besondere an der Fotografie ist doch, dass sie in einem besonderen Spannungsverhältnis von Subjekt und Objekt steht. Und ich bin da nach wie vor vollkommen bei Roland Barthes: Eine Fotografie hat eben auch die Eigenschaft in der Betrachtung als Medium komplet zu verschwinden. Zeigt mal ein Foto von einem Gebüsch einem Gegenüber und frag was das ist. Die meisten werden sagen: "ein Gebüsch" - obwohl sie doch eine Fotografie von einem Gebüsch sehen. Jede Fotografie hat also unabhängig vom Betrachter und dessen Wissen ein Versprechen in sich: "so-ist-es-gewesen". Mir ist klar, dass Barthes die Sache durchaus komplexer aufbaut, aber das Vorhandensein des Referenten ist schon ein entscheidender Punkt in der Fotografie. Und genau das ist es ja, was Bilder die von einer KI erstellt werden nicht mehr haben - zumindest nicht unmittelbar und nachvollziehbar.

    Davon ausklammern kann man ja auch das Problem der Wahrheit. Wie bei der Malerei ja auch, dort wurde ja ebenfalls oft beansprucht "wahres" Abzubilden.

    Ich versuche, ausführlich zu antworten und meine Sicht darzulegen.

    Nicht nur das "Gefüge" ist eine Vermutung des analysierenden, interpretierenden und deutenden Subjektes, sondern auch der Gegenstandsbezug des Gezeigten.

    Der eine sieht im selben Kind ein weinendes, der andere ein lachendes Mädchen, der dritte einen Jungen. Der andere erkennt im selben Bau eine mittelalterliche dörfliche Ruine, der andere ein Rokokolustschloss von Marie-Antoinette, der dritte ein Investitionsobjekt. Und wer in "Die Glücksritter" oder "Le Père Noel est une ordure" einen Weihnachtsmann sieht, glaubt vermutlich eher nicht an echte Weihnachtsmänner. - OK, er glaubt daran, dass es einen Schauspieler gibt, der den Weihnachtsmann spielt. Aber das wird im Film nicht gezeigt. Es wird ja nicht der empirisch-reale Mensch gezeigt, der seine Monatsmiete in 66543 Trallahopsa in der XY-Strasse 44 zahlt, sich morgens um 6 in der Nase popelt und dann Text auswendig lernt, um sich dann um 10 als Weihnachtsmann zu verkleiden und dieselbe Szene immer wieder zu spielen, bis sie sitzt.

    Das ist auch so bei der Rede vom "Gebüsch": da geht es ja eigentlich darum, einen Bildgegenstand so zu benennen, dass der Hörer/Leser weiß, von welcher Sache man redet. Dass dieses Gebüsch in Realität existiert: das ist für die meisten, die ich kenne, völlig irrelevant. Jedenfalls hat mich noch niemand nach den Geokoordinaten gefragt. Die kommen noch nicht mal drauf, dass der Sensegraben von Bern nur 15 km entfernt ist und die fotografierte Landschaft nicht in Südfrankreich liegen muss.

    Ich selber sehe bei manchen Bildern anderer eher den impliziten Fotografenstandpunkt, die Kamerahöhe, die Raumauffassung durch die Perspektivenorigo, die Brennweite, den Bildwinkel, die Disziplin beim Entwickeln, den Willen zur Rhythmik, Plastizität, den Umgang mit Formen, Farben, Tonwerten.

    Das "Spannungsverhältnis von Subjekt und Objekt"? Barthes? - Es gibt so unendlich viele gute Theoretiker - die Bücher sind voller Aufsätze. Barthes ist halt populär, weil da ein schmales, lesbares, kostengünstiges Büchlein bei Thalia im Regal steht, neben Susan Sontag und dem Salgado-Bildband.

    Aber inhaltlich: Barthes ging es bei der Beziehung Subjekt - Objekt um erotische Details, die ihn aus dem Bild heraus ansprechen, die nach eigener Aussage aber gar nichts mit dem Bild, seiner Art der Darstellung, noch nicht mal etwas mit dem Gegenstandsbezug der gezeigten Sachen zu tun haben müssen. Er schreibt selbst, dass dieser Bezug völlig kontingent sei, "zu-fällig" in dem Sinn, dass er dem gezeigten von außen "zu fällt", also nicht aus dem Bild erklärlich ist.

    Die Frage ist ja auch: was soll damit erreicht werden, dass man darauf hinweist, etwas sei genau so da gewesen, weil es ja fotografiert wurde? Genau: ein dem Bild völlig äußerliches Ziel soll erreicht werden: jemanden zu einer bestimmten Handlung zu bewegen, in der Annahme, dass jemand genau diese Handlung ausführt oder einer bestimmten Meinung ist, wenn man ihm etwas als "wahr" präsentiert.

    Das Herumreiten auf der Referenz zum Wirklichen dient eigentlich nur dazu, jemanden in eine handlungsmäßige Einbahnstrasse zu leiten, die mit dem Bild überhaupt nichts mehr zu tun haben muss. Das Bild selber ist nur noch Hilfsmittel. Da hat es viele Freunde: Fake-Telefonanrufe mit Oma-Tricks, Zeitungen mit Meinungsmache, Reisekataloge, Aktenzeichen XY ...

    Es sind genau die Leute, die sich die Bilder gar nicht erst richtig anschauen, die damit adressiert werden. Dafür braucht es aber keinen Gegenstandsbezug. Es reicht, einfach irgendetwas in der Hand zu halten und damit herumzuwedeln. So zu tun, als ob. Es könnte auch eine CD-Hülle sein oder ein Parkschein, oder ein Pizzakarton: den hochzuhalten war oft genug Beweis genung für die Unterstellung einer Pizza Connection. - Das Bild vom Papst im Daunenmantel: das reine Bild macht nicht die Message. Es ist der Mechanismus, das zu twittern, an Millionen Follower weltweit, das zu liken, zu linken, zu retweeten, mit Algorithmen zu pushen, bis es ins TV kommt. die Message ist: der Papst ist auch nur ein Mensch, nicht weil er einen gepimpten Daunenmantel trägt, sondern weil man ihn faken kann.

    Wieder auf das Bild bezogen: wenn man jemanden von A nach B gehen sieht, dann interessiert einen nicht A, und auch nicht B. Das interessiert nur Protokollanten, die eine bloße Chronik schreiben. Nein, was eigentlich interessiert, das ist WIE einer von A nach B geht. Wie setzt er sich aus dem Stand in Bewegung, wie wird diese Bewegung von der Bildwelt vorbereitet, durch Blickführungen mit Hilfe der Formensprache und der Komposition, wie erfolgt der Übergang von A nach B, wann kann er nicht mehr zurück, wann beginnt das Ankommen, wie wird er dort aufgenommen, welche Möglichkeiten bieten sich ihm?

    Das alles vereint z.B. Henri Cartier-Bresson in einem Bild, er nennt das in der Nachfolge der französischen Klassik, die sich auf die Poetik des Aristoteles bezog, den "entscheidenden Moment". Und da interessiert HCB das A und B als unabhängig vom Übergehen feststehende Orte reichlich wenig, nur insofern, als dass es meistens etwas Banales ist, das zur Kunst erhoben wird, indem das Zwischendrin, der Übergang, Henri Bergson: "die reine Dauer", vorbereitet und gezeigt wird.

    Nochn Edit zum "Wahren in der Malerei".

    Ein Pinselstrich. Der hat eine Vergangenheit und eine Zukunft. In der Vergangenheit stehen Fakten, Andere Striche. Da kann ich jetzt nicht einfach machen, wie ich will. Ich muss darauf aufbauen, damit leben. Die Fakten der Vergangenheit schaffen eine Notwendigkeit. Die bestimmt die Möglichkeiten der Zukunft. Die Zukunft ergibt sich aus der Vergangenheit. Faktizität und Möglichkeitenhorizont ergeben ein richtiges, kluges, korrektes Handeln. Praktische Vernunft. Basierend auf Erkenntnisfähigkeit. Die kann ethisch oder technisch sein. Da berühren sich Technik und Moral, und was man auf der Leinwand sieht, der Prozess notwendigen Werdens und Gestaltens, erhält Relevanz für das eigene Leben. - Ich vermute, nach einigen Gesprächen mit solchen, das ist es, wenn Kunstschaffende von einer "Wahrheit" im Kunstschaffen sprechen. Vielleicht wäre "Wirklichkeit" ein verständlicheres Wort, aber "Wahrheit" betont, dass die Kunstschaffenden selbst sich immer wieder auf ein Gemeinsames verständigen, oder zumindest, dass ihnen diese "Wirklichkeit" gesamthaft nicht fremd, sondern allen zueigen ist.

  • Ein spannendes Thema. Künstliche Befruchtung, Künstliche Intelligenz, Menschliche Klone, Bio Roboter….. scheinbar alles Glieder der selben Kette.

    Seit Jahren bekomme ich das Gefühl nicht los, das es dabei nur um einen neuen Versuch geht, den „Turmbau zu Babel“ wieder zu beleben.

  • Ein spannendes Thema. Künstliche Befruchtung, Künstliche Intelligenz, Menschliche Klone, Bio Roboter….. scheinbar alles Glieder der selben Kette. Seit Jahren bekomme ich das Gefühl nicht los, das es dabei nur um einen neuen Versuch geht, den „Turmbau zu Babel“ wieder zu beleben.

    Verrückt sind die Menschen doch schon immer.

    Was oft untergeht, die frohe Botschaft, sozusagen: es gibt Leute, denen der Prozess, denen das Medium, denen die darin wohnende "Wahrheit", oder "Wirklichkeit" wichtig sind.

    Es gibt Leute, die legen Wert darauf, dass ein Bild mit einer Kamera aufgenommen wurde, dass es in einer Dunkelkammer ausgearbeitet wurde, dass jeder seine eigenen Belichtungen und Entwicklungen findet und Dinge verfertigt, die vielleicht vom Motiv her nicht einzigartig, in der Sehweise aber für sich stehen, ohne vortäuschen zu wollen, was anderes zu sein.

    "So und so" - nicht: "So als ob"!

  • Verrückt sind die Menschen doch schon immer.

    Was oft untergeht, die frohe Botschaft, sozusagen: es gibt Leute, denen der Prozess, denen das Medium, denen die darin wohnende "Wahrheit", oder "Wirklichkeit" wichtig sind.

    Es gibt Leute, die legen Wert darauf, dass ein Bild mit einer Kamera aufgenommen wurde, dass es in einer Dunkelkammer ausgearbeitet wurde, dass jeder seine eigenen Belichtungen und Entwicklungen findet und Dinge verfertigt, die vielleicht vom Motiv her nicht einzigartig, in der Sehweise aber für sich stehen, ohne vortäuschen zu wollen, was anderes zu sein.

    "So und so" - nicht: "So als ob"!

    Das ist die wahre Vielfalt. Dafür hat schon die Natur (oder die Erde selber) fleißig gesorgt. Und der Mensch als eigenständige Spezies ist auch nichts anderes als ein „Produkt“ dieser Entwicklung. Nur scheint es mir so das die „Götter“ auf dem Olymp mit dieser Tatsache nicht ganz glücklich sind und versuchen jetzt den Spieß (Tag für Tag und Nacht für Nacht) um zu drehen.

    Ich mache es kurz, sonnst wird die Predigt zu lang:

    „Ein künstliches Gehirn braucht nur einer, Dem das eigene fehlt.“

  • Das "Spannungsverhältnis von Subjekt und Objekt"? Barthes? - Es gibt so unendlich viele gute Theoretiker - die Bücher sind voller Aufsätze. Barthes ist halt populär, weil da ein schmales, lesbares, kostengünstiges Büchlein bei Thalia im Regal steht, neben Susan Sontag und dem Salgado-Bildband.

    Das war jetzt schon polemisch und ein wenig jovial. Klar gibt es viele spannende Autoren die was über die Fotografie gesagt haben und noch sagen. Ich würde Barthes immer hochhalten, weil er relativ universell gelesen werden kann und zugleich viele Aspekte dessen, was die Fotografie im Kern ausmacht drin hat. Das hält ihm ja auch Peter Geimer (Theorien der Fotografie, 2009) zugute: "Man kann die Fotografie als eine Aufzeichnung des Realen begreifen und zugleich an der Uneindeutigkeit des Aufgezeichneten festhalten" (S. 80).

    Nicht nur das "Gefüge" ist eine Vermutung des analysierenden, interpretierenden und deutenden Subjektes, sondern auch der Gegenstandsbezug des Gezeigten.

    Ja, kann ich folgen. Aber im Sinne eines "operativen" Konstruktivismus fand ich immer die Frage interessant, warum sich bestimmte Bezüge irgendwann durchsetzen und als "gültig" erkannt werden. Vermutlich weil Sie anschlussfähig sind und zu sinnhaften Diskursen führen.

    Das ist auch so bei der Rede vom "Gebüsch": da geht es ja eigentlich darum, einen Bildgegenstand so zu benennen, dass der Hörer/Leser weiß, von welcher Sache man redet. Dass dieses Gebüsch in Realität existiert: das ist für die meisten, die ich kenne, völlig irrelevant. Jedenfalls hat mich noch niemand nach den Geokoordinaten gefragt. Die kommen noch nicht mal drauf, dass der Sensegraben von Bern nur 15 km entfernt ist und die fotografierte Landschaft nicht in Südfrankreich liegen muss.

    Ich denke ich weiß was Du meinst. Und vielleicht hast Du zu wenig Botaniker im Bekanntenkreis, die reagieren bestimmt anders auf dein Bild als diejenigen die schon mehrmals was von Dir gesehen haben.

    Aber dennoch würde ich den meisten Betrachtern unterstellen, dass sie wissen, dass das "Gebüsch" irgendwann mal so ausgesehen hat wie auf Deinem Foto. Völlig unabhängig davon, welche Relevanz das für das Foto hat. Es gab mal genau diesen Zeitpunkt an diesem bestimmten Ort an dem es so aussah, weil Du es fotografiert hast. Diese Gewissheit der "Zeugenschaft" eines Fotos hat sich bis in das digitale Zeitalter hinein gerettet. Trotz aller Diskussionen, dass die Fotografie natürlich nie "objektiv" sein kann, dass sie "manipuliert", Ausschnitte zeigt oder dass es auch gefälschte Bilder geben kann. Eine Spur zum Referenten gibt es immer laut Barthes, und diese Spur kann man nachverfolgen. Das ist bei generativen Bildern einer KI so nicht mehr gegeben würde ich mal als steile These formulieren.

  • ein Foto zeigt alle Geschehnisse im Zeitraum der Belichtung überlagert.

    Ja

    Was ein Foto zeigt, hat so nie existiert.

    Nungut, jetzt müsste die Frage aufgeworfen werden, was "Existenz" begründet und inwiefern es da einen Bezug zu einem "Zeitraum" gib. Der Hinweis ist natürlich insofern richtig, wenn man da z.B. an die frühe Fotografie mit den menschenleeren Boulevards denkt.

    Bei der Frage des Referenten im fotografischen Bild wird ja allgemein angenommen, die Aufnahme zu einem "Zeitpunkt" stattfindet, und dass das Foto wie ein "Fenster" in die Vergangenheit wirkt.

    Wie oben erwähnt sind mir natürlich die ganzen gegenläufigen Debatten bekannt. Und ich würde nach wie vor daran festhalten, dass die Fotografie von den meisten Menschen in der Praxis noch so genutzt wird, dass sie etwas abbildet was auch so gewesen ist, dass es auch immer so etwas wie eine Zeugenschaft gibt. Sonst würde ja niemand mehr Pressefotografie machen. Hier werden Bilder geschaffen die zeigen sollen wie etwas ist (oder sein soll/kann/muss/darf). Oder Urlaubs- oder Familienbilder. Da sind doch alle immer gleich ganz begeistert, weil sie eben die Oma sehen wie sie mal jung war.

  • Das ist auch die Sichtweise all jener Theorien über Fotografie, die die Fotografie als Element einer Kommunikation auffassen, ohne je das Objekt selbst, die Fotografie, einer Analyse unterworfen zu haben. Jeder Anspruch, ein Bild zu schaffen, ist da ausgeklammert. Die Fotografie sowohl als Akt als auch als Objekt wird instrumentalisiert als Verweis auf Objekte oder Handlungen der "Realwelt", während das oben angesprochene Foto vom Gebüsch nur auf sich selbst verweist.

    In meinem Beitrag oben habe ich Pressefotografie ausgenomen, als es um den Anspruch auf Wahrheit des Abgebildeten geht. Da geht es um Dokumentation genau wie in Familienfotos und bei jeder angederen Form der Dokumentation. Die Auffassung des Fotografen als Referenten schafft genau diese stark eingeschränkte Sicht auf Fotografie.

  • Nein,

    ein Foto zeigt alle Geschehnisse im Zeitraum der Belichtung überlagert. Was ein Foto zeigt, hat so nie existiert.

    Doch, die abgebildeten Objekte haben existiert. Was abweichen kann, ist die Darstellung der abgebildeten Objekte. Je weiter sich der Belichtungszeitraum von der Verarbeitungsgeschwindigkeit des Auges bzw. Hirns (Belichtungszeit rund 1/15 - 1/30 s, also 15 bis 30 Bilder pro s) entfernt, umso unrealistischer erscheinen die Aufnahmen, siehe z.B. Ultrakurzzeit- oder Langzeitbelichtungen. Auch wir überlagern in unserer Wahrnehmung somit Geschehnisse; alles, was sich innerhalb von 1/15 - 1/30 s abspielt, ist für uns "Realität", hat für uns so in der alltäglichen Wahrnehmung existiert. Und je mehr man von unserer eingebauten Belichtungszeit abweicht, umso mehr weicht auch das Foto von unserer subjektiv wahrgenommenen "Wirklichkeit" ab.

    Die Fotografie ist der Todfeind der Malerei, sie ist die Zuflucht aller gescheiterten Maler, der Unbegabten und der Faulen.

    (Charles Baudelaire)

    Edited once, last by Kayak (February 21, 2024 at 12:37 AM).

  • und im Zeitraum der Belichtung haben sie sich verändert.

    Ob ich etwas merke ist kein Argument für Existenz oder Nichtexistenz.

    Veränderung eines Objekts ist doch kein Beweis für seine Nichtexistenz? Kapier ich nicht.

    Die Fotografie ist der Todfeind der Malerei, sie ist die Zuflucht aller gescheiterten Maler, der Unbegabten und der Faulen.

    (Charles Baudelaire)

  • Veränderung eines Objekts ist doch kein Beweis für seine Nichtexistenz? Kapier ich nicht.

    Veränderung eines Objekts ist ein Beweis für seine Existenz.

    Eine positive Existenz kann nicht gleich Null sein. Denn nur bei Null gibt es in der Zeit und Raum keine Veränderungen.

  • Veränderung eines Objekts ist doch kein Beweis für seine Nichtexistenz? Kapier ich nicht.

    Schöne Diskussion hier, macht richtig Spaß, und wird philosophisch.

    Dass die Veränderung eines Objekts nicht der Beweis für seine Nichtexistenz ist, klingt einleuchtend, wenn man "Existenz" nicht daran festmacht ("festmachen", merkt Ihr was?), dass sein Merkmal die Unveränderlichkeit sein soll.

    Wenn man also von der "Existenz" so redet, als sei das ein festes, unveränderliches, gesetztes Sein, das nicht mehr auf etwas anderes zurückgeführt werden kann, dann würde die Veränderung das in Frage stellen, weil das angeblich letztgültige Sein weiter reduziert würde auf Veränderung. Dann gäbe es eigentlich generell gar keine unveränderliches Sein, sondern nur Veränderung.

    Daher schreibt Heraklit, man könne nicht zwei Mal in den selben Fluss steigen. Was heisst: das was existiert, ist für Heraklit der Fluss, die Veränderung, das Vorbeirauschen, also die Bewegung der Autos, Menschen, Radfahrer in Kayaks Bildern, während der Rest, die feststehende Architektur, nur Krusten sind, die sich am Rande des Flusses ablagern, Überbleibsel des Seins - ich sag's ja, Kayaks Bilder haben's durchaus in sich. Vor allem, wenn man an Rom denkt: die Ruinen: das sind Überbleibsel von Veränderungen.

    Dass die Veränderung eines Objekts ein Beweis für seine Nichtexistenz sei, wäre aber auch ziemlich hart ausgedrückt. Denn einen Beweis für die Nichtexistenz: wie will man was beweisen, was nicht existiert, jetzt mal ontologisch, und wie will man überhaupt über etwas sprechen, was nicht existiert, epistemologisch, und wieso soll aus einer als "falsch" bewerteten Implikation, dass aus a ein verändertes a' folge, die Nichtexistenz von a bewiesen sein, rein logisch?

    Das Problem sind die Ordnungen des Raumes und der Zeit, die wir an das, was wir sehen, hören, schmecken, riechen, fühlen, spüren herantragen. Wenn eine gewisse Präsenzzeit nicht überschritten wird, erscheint uns alles simultan. Ich habe das mal an einem anderen Ort aufgedröselt, man findet das unter dem psychologischen Begriff der "Erlebniszeit".

    Minimalzeiten zur Identifikation von Ungleichzeitigkeiten als Grundlagen sequentieller Ordnungen, und die liegen offenbar bei 30-40ms, was dem Grundtakt des Gehirns von 30 Hz entspricht. Dazu kommt noch ein Takt von ca 3s, "über den hinaus wir Informationen nicht mehr zu Wahrnehmungsqualitäten zusammenfassen". Ein "Jetzt" als subjektive Gegenwart, Kontinuitätserleben, ergebe sich aus Drei-Sekunden-Segmentierungen in Gedächtnis. Vgl. Pöppel, Ernst: Die Rekonstruktion der Zeit. -in: Paflik, Hannelore: Das Phänomen Zeit in Kunst und Wissenschaft. Weinheim, 1987. S. 25-38, S. 28.

    "Jetzt" wäre also zwischen 30ms und 3s. Diese 2970ms reichen anscheinend, um von einem "Jetzt" zu sprechen, von einer "Gegenwart", von einem Moment, und daraus sogar ein die Vermutung eines unveränderlichen Seins als Existenz eines Dings abzuleiten, das in dieser Zeit erfasst wurde und das Gedächtnis segmentieren durfte.

    Die Physik ist da ein Sonderfall, die hypostasieren da geradezu eine einzige Zeitdauernkontinuität daraus, ohne Brüche, Sprünge, Richtungsänderungen, als Skalar, durch den höchsten Wert bestimmt. Vgl Klein, Etienne: La physique et le temps. -in: Garbagnati, Lucile (Hrg.): Temps scientifique, temps théâtral. Besançon, 2001. S. 25-40, hier S. 28.

    Beim Raum machen sie es ähnlich, aber als Vektor, mit Größenwert und Richtung. Ich habe mich immer gefragt, wieso in der Physik "Raum" als eigentlich koordinierendes Konzept zur Berechnung von Bewegung und Geschwindigkeit im Verhältnis zu Masse und Energie materieller Dinge ist, relativ zu Stellung und Orientierung der Betrachtung, also ein an die Welt herangetragenes kategoriales Bezugssystem, eine Existenz zugesprochen wird, als etwas Seiendes, das sogar gekrümmt werden kann.

    Und im Fotografischen: warum Raum und Perspektive immer so auf das Prinzenauge bezogen sein muss, Zentralperspektive, Gesetze der Perspektive ... - Es gibt ja so viele Arten der Perspektive. Schon Aristoteles sah Raum nicht nur als Topos, als Gefäß, in dem etwas sich befindet, sondern auch als Möglichkeit des Bezuges körperlicher Gegenstände aufeinander, als eine Struktur diskontinuierlicher Vielheit von Sachverhalten der Welt, vgl. Zekl, Hans Günter: Topos. Die aristotelische Lehre vom Raum. Hamburg, 1990, S. 172f.

    In Kayaks Bildern aus Rom, mit den Fußgängern, die sich verwischt und gleichzeitig wiederholt zeigen, erzeugen diese Fussgänger einen Raum zwischen den verschiedenen Zuständen, die man sieht, und das ist der Raum der Veränderung. Raum entsteht aus Veränderung des Objekts. Wenn aber ein Ding schon einen Raum hat, indem es diesen selber erzeugt, und zwar durch Veränderung: ist es dann nicht par excellence "existent"? Was muss es denn noch alles beweisen, dass es existiert?

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