KI und Urheberrecht: Recherche nach eigenen Werken

  • Um Dieters etwas kurzen Einwurf :) etwas auszuführen, er kann mich ja verbessern:

    Wir haben uns über E-Mail ausgetauscht. Dieter hat mit seinem Kommentar "Was ein Foto zeigt, hat so nie existiert." eigentlich gemeint, dass die auf dem Photo abgebildete Szenerie so nicht existiert hat. Das ist wesentlich sanfter formuliert, auch wenn ich es etwas anders sehe. Ich würde sagen: Das Photo zeigt etwas, was sich dem Menschen beim Zeitpunkt der Aufnahme anders dargestellt hat. Der sensorisch abgedeckte Raum einer Kamera und eines Menschen sind grundsätzlich unterschiedlich, wenn auch nicht immer offensichtlich. Was Du ebenfalls ausführst, siehe Perspektive oder die besagte 1/30 s Wahrnehmungszeit.

    Alles, was von dieser Zeit stark abweicht -Kurzzeit, Langzeit- Mehrfachbelichtungen- kann man vielleicht als Erweiterung des Raums durch die Kamera ansehen.

    Und, ich heiße Kay :)

    Kayak habe ich genommen, weil ich hier in grauen Vorzeiten mal den Account Kay hatte (siehe auch Aldiparkplatzfotografie). Leider habe ich meine alten Zugangsdaten bei der Neuanmeldung im November nicht gefunden.

    Die Fotografie ist der Todfeind der Malerei, sie ist die Zuflucht aller gescheiterten Maler, der Unbegabten und der Faulen.

    (Charles Baudelaire)

  • Ich würde Barthes immer hochhalten, weil er relativ universell gelesen werden kann und zugleich viele Aspekte dessen, was die Fotografie im Kern ausmacht drin hat. Das hält ihm ja auch Peter Geimer (Theorien der Fotografie, 2009) zugute: "Man kann die Fotografie als eine Aufzeichnung des Realen begreifen und zugleich an der Uneindeutigkeit des Aufgezeichneten festhalten" (S. 80).

    Also ich würde spitzfindig behaupten, je universeller jemand gelesen werden kann, desto unspezifischer wird es für den Kern einer Sache. Zu Peter Geimer würde ich sagen, ja, das kann man. Man kann vieles. Man darf aber nicht vergessen, dass Barthes ab den 1970ern dekonstruierte, mithin die strukturalistischen Begriffsarchitekturen einzureißen suchte und Gewissheiten zerstören wollte.

    Und dass Du über Kommunikation redest, und ich über Kunstwerke.

    Die Frage wäre also, wenn Barthes uns bzw. einer bildkünstlerischen Konzeption weiterhelfen soll, inwiefern er sich auf das Gestalten beziehen lässt. Da gäbe es durchaus Ansatzpunkte, aber das sind die Werke ab 1970, nach seinem Japanbesuch, denn dort ist ihm anscheinend genau die
    Prozessualität des ästhetischen "Zeigens" aufgefallen, die ihm vorher entging, da er nur "Aussagen" getroffen hat. Vgl. Mahrenholz, Sabine: Analogisches Denken. Aspekte nicht-diskursiver Rationalität. -in: Mersch, Dieter (Hrg.): Die Medien der Künste. Beiträge zu einer Theorie des Darstellens. München, 2003. S. 75-91 - Platon, Mimesis, Diegysis.

    Im Poststrukturalismus ist wissenschaftliche Arbeit Prozess, und Barthessche Werke sind Ausdruck prozessualen Denkens. Es geht nicht um das feste System, sondern um die Qualität, die Art und Weise des transitorischen Unverständnisses im Übergang zu einem als Evidenz erlebtem
    Verstehen. Wissen ist nachvollziehbarer Prozess. Das sieht man ja schon in der oben angerissenen Unterscheidung von Sagen und Zeigen. Sagen, der Satz des Pythagoras: das ist die schriftliche Fixierung, das logische Bild als Formel, verbunden mit der Assertion von Wahrheit
    bzw. Korrespondenz zu einer Wirklichkeit. Zeigen, das tuende Demonstrieren: das ist das prozessuale Vorstellen und Mit- bzw. Nacherleben von Sachverhalten, die dadurch zu Tatsachen werden, egal, wie etzt die beurteilende Stellung in der Welt sein soll. Das mache ich ja auch als
    Phänomenologe: ich spreche über Kunst, hinreichend spezifiziert, damit die Leute das intersubjektiv nachvollziehen können und Evidenzerlebnisse kriegen, die sie als Erkenntnis verbuchen können.

    Bleibt man aber in der Semiotik, ist allenfalls das Sprechen über Aussagen über Kunst evident. Ich frage mich, warum es in einem Bild von Ansel Adams wichtig sein soll, dass dieser oder jener Berg genau da stand, zu dieser oder jener Uhrzeit. Oder Westons Akte von Charis: wen interessiert es, dass das Charis war? Semiotik, und damit auch die Beschäftigung mit einem Referenten: das ist Teil einer Kommunikationstheorie, nicht einer Kunsttheorie. Kunst lässt sich nicht auf Kommunikation reduzieren.

    "Semiologie" ist ein medizinischer Begriff. die konventionalisierte medizinische Zeichenkunde, die es aufgrund von Konventionen, intersubjektiver Übereinkünfte also, ermöglicht, Krankheiten unabhängig von der Spezifität der Betroffenen zu benennen. Da liegt ja eine Abgrenzung von der Hermeneutik vor, deren Verstehen gerade das Gestaltungs- und Bedeutungsgesamt immer wieder heranzieht, um sich im hermeneutischen Zirkel (Schleiermacher) neu zu aktualisieren.

  • (siehe auch Aldiparkplatzfotografie).

    Habe ich nachgelesen, sehr erquicklich. Man sollte ein Buch draus machen.

    Das Photo zeigt etwas, was sich dem Menschen beim Zeitpunkt der Aufnahme anders dargestellt hat. Der sensorisch abgedeckte Raum einer Kamera und eines Menschen sind grundsätzlich unterschiedlich, wenn auch nicht immer offensichtlich.

    Vielleicht ist das aber auch nur temporär. Am Anfang überrascht einen das Phänomen. Man rechnete vielleicht gar nicht damit.

    Später aber kommt man wieder darauf zurück. Macht ein paar Proben, schaut sich seine Sachen an, lernt, auf was es ankommt, wie man es prinzipiell angehen sollte.

    Am Ende macht man sowas wie ein gedankliches Konzept, und die darin enthaltenen Denkweisen bestimmen das eigene Sehen als Zugang zur Welt. Dann passen sich die menschliche Wahrnehmung und die apparative Sache an.

    Edited once, last by aksak_maboul (February 22, 2024 at 8:50 AM).

  • Wenn wir mit der Fotografie bei dem Philosophischen Sinn schon dabei sind:

    Ich bin der Meinung das, ein Bild keinesfalls an die Raum/Zeit Regel gebunden ist, denn es ist immer eine freie Interpretation des Gesehenes und dient nur einem Ziel / Ästhetik. Deshalb ist auch jedes benutzte Mittel legitim um das Ziel möglichst ins schwarze zu treffen.

    Das Gegenteil davon ist ein optisches Abbild (von irgend was), denn da wird einem anderem Ziel als Ästhetik gedient, was an sich auch andere Regel als bei einem Bild voraus setzt; Anwesenheit, Bindung an Raum und Zeit, frei von Interpretation, frei von Emotionen, maximale Treue,…. Ob das alles zu erreichen ist? Hmmm.

  • je universeller jemand gelesen werden kann, desto unspezifischer wird es für den Kern einer Sache.

    Ja - aber nein würde ich sagen. Der Universalimus zwingt dazu, die grundlegenden Wesensmerkmale zu offenbaren. Besonders in der Fotografie merkt man doch, dass es starke Divergenzen gibt. Die spannende Frage ist doch, ob es nicht etwas gibt was alle Phänomene der Fotografie gemeinsam gültig beschreibt. Photogrammetrie, Bildjournalismus, künstlerische Fotografie, Werbefotografie, Amateurfotografie, Knipserfotografie etc.

    Man darf aber nicht vergessen, dass Barthes ab den 1970ern dekonstruierte, mithin die strukturalistischen Begriffsarchitekturen einzureißen suchte und Gewissheiten zerstören wollte.

    Klar, die ganzen (de)konstruktivistischen Debatten kamen in den 1970er Jahren ja erst richtig in Schwung, der Positivismusstreit lässt grüßen. Dahinter steckt ja immer auch die Frage, ob es so etwas wie ein objektives, wertfreies Urteil über Phänomene geben kann.

    Für die Fotografie gibt es ja lange die Tradition, die Ihr eine maximale Objektivierung zuschreibt: "the pencil of nature". Da wird stets der Abbildcharakter der Fotografie betont. Da knüpfen natürlich viele Debatten an, wie etwa die Frage ob Fotografie Kunst sein kann. Zugleich gab es immer schon die Strömung, die darauf verwiesen hat, dass das Medium der Fotografie immer auch zwangsläufig subjektiv ist und der Autor das Bild macht und nicht der Apparat (was der Fotograf natürlich gerne hört) oder dass das Foto immer auch einem (medialen oder sozialem) Kontext entspringt (das hört der Fotograf weniger gerne).

    Und dass Du über Kommunikation redest, und ich über Kunstwerke.

    Ohne Kommunikation ist alles nichts.

    Und natürlich ist Fotografie immer auch Kommunikation, weil natürlich schon der Akt des Zeigens eine Kommunikation ist. Dass sich darin nicht alles erschöpft ist klar, und genau da halt ja auch eben Barthes ein.

    Eine rein kunsttheoretische Sichtweise wird in meinen Augen der Fotografie nicht in allen Facetten gerecht. Die Betonung der Autorenschaft ist natürlich evident für die Kunsttheorie und vor allem auch die Praxis. Der Autor ist dabei natürlich im idealsten Sinne jemand der genial-autonom agiert und innovativ ist. Aber viele Fotografen würden sich nicht als Künstler begreifen.

    Das Problem was ich mit einer kunsttheoretischen Sicht habe, ist dass sie nie "universalistisch" ist:

    Das Gegenteil davon ist ein optisches Abbild

    (Sorry dass ich Geos Zitat da jetzt so ans Rampenlicht zerre) Ich würde es nur genau anders formulieren: Die Fotografie ist ein Verfahren, mit dem Bilder mit Hilfe von Licht erzeugt werden. Wikipedia sagt es ähnlich bzw. sogar noch etwas präziser: "...eine bildgebende Methode, bei der mit Hilfe von optischen Verfahren ein Lichtbild [erzeugt/gespeichert wird]."

    Die künstlerische Fotografie ist ein Sonderfall, neben vielen anderen Fällen der Fotografie.

    All diesen Verfahren liegt nun zugrunde, dass es "irgendetwas" gibt, was sich außerhalb der Kamera befindet. Das ist der Referent, das Objekt was Licht aussendet. Besonders in der künstlerischen Fotografie findet ja eine besondere Reflektion darüber statt, was die Fotografie nun ausmacht. Besonders in den letzten Jahren gab es dazu ja Positionen zu Hauf, die sich dem Medium Fotografie selbst gewidmet haben. Und die Erkenntnis von Diesch:

    Was ein Foto zeigt ist niemals so gewesen.

    würde ich natürlich unterstreichen, wenn die Betonung auf "so" liegt. Klar ist jedes Foto nur ein Foto: Es reduziert die Realität, macht sie zweidimensional, schafft einen Ausschnitt, hat eine zeitliche Spanne, hat eigene (oder gar keine) Farben, es richt nicht und man kann nichts hören etc.

    Aber egal was ist, der Fotograf stand irgendwann vor einem "Gebüsch" - es ist (oder war) existent und hat Lichtstrahlen ausgesendet.

  • Klar ist jedes Foto nur ein Foto: Es reduziert die Realität, macht sie zweidimensional, schafft einen Ausschnitt, hat eine zeitliche Spanne, hat eigene (oder gar keine) Farben, es richt nicht und man kann nichts hören etc.

    Genau das machen wir Erdenmenschen schon ohne die Fotografie. Wir haben zwei Augen, sehen also nur stereometrisch, und das in Blickbewegungen, setzen also ein Bild kognitiv zusammen, im Gehirn. Dadurch verändern wir das "So" - da brauchen wir keine Fotografie, um das zu tun.

    Wenn wir aber keine Fotografie dazu brauchen, kann genau dieses Kriterium kein hinreichendes Kriterium sein, um Fotografie zu bestimmen. Ja, wir haben sogar beim menschlichen Sehen etwas vor der Linse, ein Objekt außerhalb von uns selbst, das wir uns anschauen. Das heißt, selbst die Abbildrelation ist keine Relation, die sich alleine auf die Fotografie bezöge. Schon antike Bildhauer schufen Abbilder. Ich war mal in einer Höhle mit 14500 jahre alten Büffelbildern. Sagenhaft.

    Das "So" ... ich versuche mal, auf den Rest des Posts zu antworten, denn Du, arothaus , wirfst da interessante Fragen auf.

    Die "Frage, ob es so etwas wie ein objektives, wertfreies Urteil über Phänomene geben kann", erachte ich als verkürzt. Weil es keine Fakten an sich gibt, denn selbst das, was wir für Fakten halten, ist etwas, was sich uns durch Phänomene vermittelt. Wenn man den Phänomenen aber objektive, wertfreie Urteile abspricht, spricht man diese auch dem ab, was man als "Fakt" versteht. Sieht man ja im aktuellen Weltgeschehen. Da kollidieren verschiedene Sichten auf Fakten miteinander, verschiedenes phänomenales Dafürhalten. Die Leute tauschen sich nicht etwa gesittet über die Ontologie der einer Kunstgattung aus.

    Insofern würde ich sagen: ich denke, es ist schwierig, etwas zu finden, "was alle Phänomene der Fotografie gemeinsam gültig beschreibt." Und zwar wegen der Allaussage, und wegen der postulierten Gültigkeit. Die Gemeinsamkeit finde ich realisierbar, weil ja ein intersubjektiver Konsens zustandekommen kann. Aber der wäre für mich eher provisorisch, und kritisch-rational revidierbar, nur solange vertretbar, wie unwiderlegt.

    Zum "pencil of nature": ich bin mir nicht sicher, ob der allein die Abbildfunktion beschreibt. Der Zeichenstift ist ein Werkzeug des Zeichners, und Zeichnen ist eine Kunst, die Dinge akzentuiert, auslässt, scharf zeigt, unscharf, konturiert oder flau, flächig oder plastisch - Zeichnen ist ein Vorgang, künstlerisches Gestalten. Gerade der Objektbezug wird hier zwar nicht in Frage gestellt, aber doch auf das Minimum reduziert.

    Da isses ja wieder: "Fotografie", "mit Licht zeichnen" - "etwas mit Licht zeichnen"? "Mit Licht abbilden"? Oder arbeitet ein Zeichner mit Licht? "pencil of nature" - was da gezeichnet wird, bleibt ungesagt.

    Wenn Fotografie Kommunikation sein soll, bliebe also zu fragen, "Kommunikation worüber?" - Da wiederholt sich das anfängliche Problem, ob Fotografie "Zeigen künstlerischer Gestaltung" oder aber "Aussage von nichtfotografischen Sachverhalten" sein soll, wie man ja gerade hier am KI-Thema sieht. Denn die Kommunikation kann verstanden werden als "Mitteilen künstlerischer Gestaltung" oder als "Mitteilen nichtfotografischer Sachverhalte". Das Problem wird nur (typentheoretisch) auf eine höhere Ebene verschoben. Ein Scheinproblem (Wittgenstein). Eine Kommunikationstheorie kann den Unterschied zwischen Sagen und Zeigen, zwischen Behaupten und Demonstrieren nicht hinter sich lassen.

    Und das finde ich extrem interessant. Weil nämlich die Leute bei KI immer die Angst haben, man lüge ihnen was vor, man kommuniziere falsche Aussagen. Dabei wird bereits in der Kommunikation der Gestaltungsweisen gelogen, die kopiert wurden und als Trainingsmaterial in jedem KI-Bild schon vorhanden sind, bevor man eine Aussage über die referierten Objekte trifft. (Siehst Du, arothaus, hier rede selbst ich von vorausgesetzten, kopierten, abgebildeten Sachverhalten ...)

    Der hiesige KI-Thread erhält dadurch eine neue Dimension. Es geht dem Lichtbildner ja weniger um die Frage, ob die von KI ausgesagten Weltsachverhalte real existieren, sondern um die Frage, ob die eigenen künstlerischen Gestaltungsweisen kopiert und zweckentfremdet werden, ohne die künstlerische Autorschaft anzuerkennen und dafür zu zahlen. Es geht da also eher um das "Kommunizieren künstlerischer Gestaltung", was als Objektreferenz behandelt wird.

    Wenn es aber um das Kommunizieren künstlerischer Gestaltungsweisen geht, wäre "eine rein kunsttheoretische Sichtweise" sogar das einzige, was die Fotografie unterscheiden hilft von, sagen wir mal Hochzeitstorten mit Figuren von Braut und Bräutigam oder Audiopodcasts. Es käme darauf an, die wesentlichen Merkmale des Kommunizierens mit Fotografie zu benennen. Und das ist nicht die Referenz auf ein abgebildetes Objekt vor der Linse, denn das existiert bei Audio-Podcast ja auch. Sondern es ginge um die Referenz auf eine abgebildete Gestaltungsweise.

    Ob eine Theorie universalistisch sein sollte? Naja, wenn ich mit Kunstschaffenden rede, wehren sie sich immer, in irgendeine Schublade gesteckt zu werden. Denen ist nicht geholfen, wenn ich diesen oder jenen "-ismus" anwende. Vielmehr legen sie Wert darauf, dass ich das, was ich sehe, einfach formuliere und mit Hilfe etwas spezieller Begriffe wie "Formensprache" oder "Rhythmus " vergleichbar mache.

    Beim Universalismus wird das eingeebnet. Und dann gibt es darüber hinaus immer auch Tautologien in den Definitionen. Wikipedia redet von einer "bildgebenden Methode", "Optik", "Lichtbild" - ein Bild ist ein Bild ist ein Bild usw.

    Jeder, der nicht nur als reiner sonntagsknipsender Chronist ein Foto macht und den Fotoapparat hasst, interessiert sich für Mindestmaße an bildlicher Gestaltung. Für Proportionen, dass die Gliedmaßen im Bild sind, dass keine Stromleitungen durch Ohren laufen und Büsche wie Hirschgeweihe aus dem Kopf wachsen, dass die Leute nicht in der prallen Sonne stehen und die Augen zukneifen, dass der Hosenschlitz zu ist, dass das Landschaftsidyll nicht vollgemüllt ist, dass eine atmosphärische Besonderheit wie ein Nebel oder eine Wolke gut ins Bild kommt, dass man die Majestät der Berge sieht oder das Glück am Strand erlebt, wenn sich Wasser und Dünen und Leute und Handtücher in einem Rhythmus wellen.

    Kann man dann aber sagen, künstlerische Fotografie sei ein Sonderfall? Ein Sonderfall ist für mich nur die staatlich geförderte Fotografie junger KunstfotografInnen bis 40 Jahre, die nach der Kunsthochschule noch ein wenig gepäppelt werden, bis sie Kinder kriegen. - Selbst Karl Blossfeld, der sich als Kunsthandwerker begriff und einfach nur Vorlagen für die Gewerbeschule, für Maurer, Eisenschmiede, Glasarbeiter usw. ablichtete, stellte seine Pflanzen frei, achtete auf eine schlagschattenlose Beleuchtung, auf eine wohlproportionierte Disposition in der Bildfläche. Weswegen seine Fotografie heute als Kunst gilt. Wobei man noch nicht mal das Prädikat "Kunst" vergeben muss, abgesehen davon, dass "Kunst" noch nichts über den "Wert" aussagt: selbst in der Ausbildungsordnung des Fotografenhandwerks wird auf Gestaltungshöhe Wert gelegt.

    Daher finde ich die Referenz auf etwas außerhalb der Kamera eher als obsolet.

  • Noch zu "die Fotografie zeigt Anscihten, die so nie existiert haben."

    Die Ansichten haben für uns nie existiert - mesokosmische Einschränkung der Wahrnehmung und auch der Vorstellbarkeit. Unmöglichkeit nacheinander aufgenommene Ansichten gleichzeit überlagert zu sehen oder vorzustellen.

    Wir können die Fotografie dazu nutzen, Ansichten zu generieren, die uns so nicht möglich sind und die wir uns auf Grund unserer mesokosmischen Beschränkung auch nicht vorstellen können. Zu dem Zweck überlagert man Ansichten, die nacheinander den Film oder den Sensor erreichen zu einer einzigen Ansicht. Das Aufnahmemedium zeigt die Ansichten alle gleichzeitig und unhierarchisch.

    Beispiel - die 5 minütige Betrachtung einer Szene aus unterschiedlichen Richtungen und aus unterschiedlichen Entfernungen führt zu einer Ansicht, die in die Richtung weist, als ob wir eine Fläche - 2-dimensional - betrachten. Dann können wir die Fläche ganz überblicken, weil wir im Raum einen Betrachtungspunkt annehmen können, der einem 2-dimensionalen Wesen in der Fläche nicht möglich wäre (Flatland). Die gleichzeitige Betrachtung aus unterschiedlichen Richtungen und Entfernungen ist ein Schritt in Richtung 4-dimensionaler Raum und die von dort mögliche Ansicht unserer Objekte oder Szenen.

  • Was ich an den Auffassungen zur Fotografie interessant finde, ist, dass es immer um eine apparative Wirklichkeit geht, mit der man sich auseinandersetzt, und die die eigene Weltwahrnehmung bestimmt. Das ist ein Pragmatismus. Man hat diese und jene apparativen Optionen, also ist das Medium dieser oder jener Art. Vereinfacht - scheinbar - drückt sich das in der Struktur aus: Objekt -> Apparat -> Abbild.

    Ich habe jetzt länger über Barthes nachgedacht, der ja den Rückschluss vom Abbild auf das Objekt macht. Er setzt im Abbild ja bereits voraus, dass es ein Urbild gibt; insofern ist das Platonismus, Ideenlehre, die Welt nur ein Schein, das Echte war vor der Kamera usw. Das heißt: er macht aus dem Pragmatismus und seinen technischen Handlungsmöglichkeiten eine Seinslehre, in der Aussagen getroffen werden, dass etwas "da gewesen sein" muss.

    Das ist für mich suspekt. Warum ist das für mich suspekt? Ganz einfach: "Fotografie" kommt von "Photographie" kommt von "Phos", dem Licht. Wenn ich jetzt die angeblich "objektiven Naturwissenschaftler" frage - Heisenberg, "Der Teil und das Ganze. Gespräche im Umkreis der Atomphysik" -, dann kann der mir gar keine endgültige Antwort geben, was Licht ist.

    Heisenberg kann sehr präzise das Verhalten von Licht in zwei unterschiedlichen Denkmodellen beschreiben. Er hat sogar Formeln dazu, mit denen sich berechnete Voraussagen treffen lassen. - Aber: diese Formeln resultieren aus zwei verschiedenen Denkmodellen. In dem einen ist Licht Korpuskularstrahlung, also Materie. In dem andern ist Licht elektromagnetische Welle. Also eine Schwingung eines elektromagnetischen Feldes.

    Welches Denkmodell in der Praxis Anwendung findet, hängt davon ab, was man beschreiben und berechnen will. Aber keines von beiden beschreibt und erklärt "Licht" umfassend, so dass das jeweils andere obsolet wäre - wenn ich als Laie das richtig verstanden habe.

    Was heißt das aber jetzt, bezogen auf das Teilthema hier, was "Realität" wäre, als Grundlage für Barthes Rückschluss vom Foto auf die "abgebildete Wirklichkeit"? - Genau: dass selbst in der objektiv scheinenden Physik diese abgebildete Wirklichkeit nur ein Konstrukt ist, Resultat einer Voraussetzung von Denkmodellen, also Resultat eines subjektiven Herangehens an etwas, was wir stillschweigend in der Abbildrelation oben voraussetzen, und von dem wir annehmen, es verhalte sich so oder so.

    Das wird im fotografischen Alltag gerne vergessen, weil es ja auf Technik und Moral ankommt, auf handwerkliches Können und ethische Stellungnahmen, also auf pragmatische Aspekte, die von Fotografierenden immer wieder ganz bestimmte Vorgehensweisen einfordern. Das ist die mediale Wirklichkeit. Aber aus der auf eine absolute Wirklichkeit zu schließen, halte ich für verkürzt. Radikalerweise würde ich sagen, KI-Bilder sind nicht unrealistischer als konventionelle Fotos - und umgekehrt: konventionelle Fotos beweisen nichts mehr als KI-Bilder.

    Für das Hauptthema dieses Threads, ob KI-Bilder ihr Trainingsmaterial abbilden: da geht es um Gestaltungsweisen, die jetzt nicht unbedingt ontologische Relevanz haben, sondern von vornherein als subjektive Bewusstseinsphänomene, Anschauungen, feststehen. Man verständigt sich darüber im intersubjektiven Austausch, mit Sprache, mit Bildern, Vergleichen, Bezugnahmen, weiteren künstlerischen Interpretationen.

    Inwieweit KI-Bilder künstlerische Interpretationen oder "Nachempfindungen" der Trainingsdaten sind, hängt vielleicht auch davon ab, zu welchem Zwecke (Geld, Propaganda), in welcher Dichte (Plagiarismus, Dilettantentum), gegenüber welcher Zielgruppe (Wirtschaft, asoziale Medien) usw. nachempfunden wird. Wenn Hüppipüppi sich ein KI-generiertes Ponyposter im neusachlichen Becher-Stil an die Wand hängen will, dann ist das Liebhaberei. Wenn einer Dali-Style-T-Shirts mit frei erfundenen Motivkollektionen an den Mann bringen will oder Bob-Ross-artige Kaffeetassen vertreibt, unter Berufung darauf, keine Urheber- und Vervielfältungsrechte zu beschädigen, weil es sich um Fantasielandschaften handelt: dann ist das schändlich und sollte bestraft werden.

  • Wenn einer Dali-Style-T-Shirts mit frei erfundenen Motivkollektionen an den Mann bringen will oder Bob-Ross-artige Kaffeetassen vertreibt, unter Berufung darauf, keine Urheber- und Vervielfältungsrechte zu beschädigen, weil es sich um Fantasielandschaften handelt: dann ist das schändlich und sollte bestraft werden.

    Plagiieren ist "strafbar". Was ein Plagiat ist, entscheiden in der Regel Gerichte. Inwieweit damit verlässliche Kriterien geliefert werden, die längere Zeit Bestand haben, mag jeder mit sich selbst ausmachen. Ein Beispiel: Beltracchi hat nicht plagiiert. Er hat neue Werke im Stil von xxx erschaffen. Sein strafbares Vergehen besteht darin, dass er seine Erzeugnisse als Werke besagter xxx verkauft hat. Das lief dann unter Betrug.

    [Wenn ein Zitat als solches kenntlich gemacht wird - mit Angabe der Quelle - ist es kein Plagiat; vgl (Jazz)improvisationen über ein Thema, Zitate in wissenschaftlichen Werken etc, ebenso Kopien von Kunstwerken]

    Salvatorische Klausel: Ich bin kein Jurist.

    Al é bun sciöch' al é ...

  • Beltracchi hat nicht plagiiert. Er hat neue Werke im Stil von xxx erschaffen. Sein strafbares Vergehen besteht darin, dass er seine Erzeugnisse als Werke besagter xxx verkauft hat. Das lief dann unter Betrug.

    Ich denke, das ist ein gutes Beispiel.

    Wenn man jetzt "Beltracchi" durch "KI" ersetzt, was dann? Ist es also legal, wenn KI "ausgewählte Werke" bestimmter Fotografen trainiert und dann "neue Werke im Stil von xxx" erzeugt? Läge dann der Betrug lediglich auf der Ebene des Nutzers vor, der das als Werk von XXX verkauft?

    Da gäbe es noch was anderes:

    Bei Beltracchi gab es ja Gestaltanalyse, Nachdenken, Einfühlung, eine gehörige Portion Witz, und eine gewisse Mutwilligkeit. - Bei KI geht es auch um die Aufnahme von Daten in Datenbankwerke, was für sich unabhängig von künstlerischen Fragen auch datenschutzrechtliche Aspekte hätte, oder sehe ich das falsch?

  • Quantenphysiker und die KI haben das gleiche Problem: ihre Vorstellungen können nicht über ihren Mesokosmos hinausweisen (siehe meine Ausführungen mit Bildbeispiel oben). Die KI kann nur Bilder im fotografischen Stil erzeugen aus den gelernten Bildern. Quantenphysiker sind bei der Vorstellung, was denn nun der mathematische Apparat der Quantenphysik aussage, wieder auf die Möglichkeiten ihres Mesokosmos angewiesen. So kommt es dann zu solchen Vorstellungen über die Energieform Licht mal als Korpuskel, mal als Welle - oder die Erscheinungen am Doppelspalt.

  • Bei KI geht es auch um die Aufnahme von Daten in Datenbankwerke, was für sich unabhängig von künstlerischen Fragen auch datenschutzrechtliche Aspekte hätte, oder sehe ich das falsch?

    Da gibt es eine gewisse Schizophrenie. Wie bemerkt, bin ich kein Jurist, sondern ein MINT-Typ, deshalb sollte ich jetzt vorsichtig sein. Soweit ich mich erinnere, gilt der Datenschutz nur für (elektronisch) gespeicherte Daten (also im Wesentlichen das, was man früher EDV genannt hat). Daten, die in Akten gesammelt sind, fallen nicht darunter. Cum grano salis .... ?

    So kommt es dann zu solchen Vorstellungen über die Energieform Licht mal als Korpuskel, mal als Welle - oder die Erscheinungen am Doppelspalt.

    "Energieform Licht" ist ein schönes Beispiel. Das wirft dann die Frage auf, was Energie ist. Eine der klassischen zehn Erhaltungsgrößen? Die sind ein mathematisches Konstrukt, ein Modell, das wir auf die Physik übertragen, und das ja auch ganz ordentlich funktioniert. Und dann haben wir noch die einsteinsche Äquivalenz von Energie und Masse ...

    Al é bun sciöch' al é ...

  • und in unserem Mesokosmos gibt es feste Gegenstände. Die im CERN sind damit auch nur bedingt einverstanden.

    Aber es geht ja um die Möglichkeiten der KI - und die kann aus dem Gelernten nur analytische Schlüsse ziehen, also niemals den Mesokosmos des "Gelernten" verlassen und Bilder erzeugen, die für uns nicht vorstellbar sind.

  • Das ist für mich suspekt. Warum ist das für mich suspekt? Ganz einfach: "Fotografie" kommt von "Photographie" kommt von "Phos", dem Licht. Wenn ich jetzt die angeblich "objektiven Naturwissenschaftler" frage - Heisenberg, "Der Teil und das Ganze. Gespräche im Umkreis der Atomphysik" -, dann kann der mir gar keine endgültige Antwort geben, was Licht ist.

    Ich denke mal das hier die Antwort in dem zweiten Teil des Wortes Graphie/zeichnen liegt.

  • Worin, wenn nicht hierin, küsst Fotografie die Essenz des Seins (aber mit gespitzen Lippen)?


    Ich verstehe wieder nicht alles, was Ihr so schreibt, aber das oben genannte Zitat gefällt mir und ich glaube zumindest, das kapiert zu haben.

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