Form ist Illusion

  • Nachdem sich keiner hier wohl traut, Kommentar von mir.

    300mm für 13x18 Film ist leichtes Tele wie 70mm KB. Soweit ich rekonstruieren kann, hast du erstmal einen Lens-Tilt gemacht, um die Schärfe "flach" zu legen. Hast du danach auch geshiftet und wenn wieviel? Hätte man die heftige geometrische Verzeichnung auch noch neutralisieren können, wenn zb ein Kundenauftrag es erfordert hätte?

    Ostergruesse!

    Rainer

  • Ostergruesse!

    auch an dich!

    Also: die Verformungen sind bei diesem Bild das Thema, ich habe sie durch die Kameraverstellungen entstehen lassen. Bei dieser Brennweite auf dem Format sollte es eigentlich keine oder nur geringförmige Verformungen geben.

    Du weißt, dass die Schüsseln rund sind, aber du siehst sie niemals rund - im Alltag. Bei diesem Bild ist die Projektion extra so gewählt, dass die Verformungen über das "normale" Ovalsehen runder Körper weit hinausreicht.

    Also:

    starke Obersicht bei aufgerichteter Bildstandarte dehnt senkrecht.

    gedrehte Bildstandarte dehnt waagerecht - oder staucht, je nach Drehrichtung.

    Dann Arbeit an der Lage der Schärfenebene und reichlich Licht.

    Hier eine Ansicht der verdrehten Kamera - leider habe ich die Stellung zum Tisch nicht mitfotografiert - die Wand hinter der Kamera ist parallel zum Aufnahmetisch - Bei gerader Bildstandarte würde die Kante auf dem Untergrund parallel zum Bildrand verlaufen.. Und die Canham torkelt, dass einem schwindlich wird, die ist eigentlich für solche Zwecke weniger geeignet.

  • Dein Bild ist etwas schwierig zu verstehen ohne das Bildmotiv gesamt mitzusehen. Dein Lens-Tilt ist sogar stärker horizontal zur Verzerrung als vertikal zur Schärfejustierung. OK. Shift aber wohl weit nach "unten". Zum Lernen wäre natürlich ein Vergleich der Kamera zu einer normal "auskorrigiertem" Aufnahme nützlich. Hast du den Aufbau noch und kannst du uns das mal zeigen?

  • Hast du den Aufbau noch

    Leider habe ich schon abgebaut.

    Auf dem Tisch die größere Schüssel, die kleineren gestapelt etwas hinten links, etwas links ganz hinten der Krug.

    Die Kamera steht gerade davor, deutlich erhöht. Jetzt Objektivstandarte maximal tief + Neigen der Bank, bis der Ausschnitt stimmt. Nun Drehen der Bildstandarte nach links. Dabei kippt sie seitlich weg - nicht torkelfrei - also Kamera wieder aufrichten. Objektivstandarte ungefähr parallelisieren zur Bildstandarte + Vorneigung zum Neigen der Schärfenebene.

    Da das Bild etwas wandert, seitliches Schieben der Bildstandarte und leichtes Drehen der Gesamtkamera.

  • Hab nochmal versucht hinzuschauen:

    Entscheidend ist das virtuelle Bild bei allen vorgenommenen Verstellungen, und und das liegt immer (!) in der Mittenachse des Objektivs nach vorn und hinten. Da ich bei dir nur nach hinten sehen kann, also ungefähr oben links. Dann ist dein absichtlich "verzerrtes" Bild ein virtueller Ausschnitt aus einem viel grösserem Bild 8x10 und mehr aus der virtuellen "rechts unteren (Motiv)-Bildecke" mit den entsprechenden "Verzerrungen". Oder liege ich falsch?

  • Oder liege ich falsch?

    Natürlich ist bei solch einer Aufnahme das sichtbare Bild immer ein Ausschnitt aus einem größeren Bild, begrenzt durch den Bildkreis. Die Lage des Bildkreises im Raum ist senkrecht und symmetrisch zur Mittelachse des Objektivs.

    Zur Dehnung:

    Wenn du ein Gebäude fotografierst und die Standarten parallel verschiebst, bekommst du eine Dehnung, die nach oben - beim Gebäude - hin zunimmt. Wenn vor dem Gebäude etwas so steht, dass du nur von seitlich fotografieren kannst, nimmst du eine seitliche Verschiebung der Standarten vor, bei der es ebenfalls zu einer zunehmenden Dehnung kommt. In diesem Beispiel bekommst du eine exakt rechtwinklige Ansicht der Gebäudefront.

    Bei der Obersicht auf den einen Tisch führt die aufgerichtete Bildstandarte dazu, dass die Bildtiefe übertrieben wird. Eine zur Kamera hin zunehmende Dehnung durch die Schrägprojektion. Der Tisch scheint auf dich zuzuströmen.

    Jetzt zusätzlich eine seitliche Drehung der Bildstandarte führt zu einer Schrägsicht auf den Tisch - obwohl die Kamera genau mittig davor steht - mit einer seitlich zunehmenden Dehnung. Und schon sind die runden Gegenstände, die eigentlich oval aussehen sollten, verformt und auch die Höhndarstellung ist verformt. Die Stellung der Bildstandarte zum Objekt sorgt für die Projektion mit der daraus folgenden Ansicht. Der Rest der Verstellungen an der Bildstandarte sorgt für die Lage der Schärfe.

    Edited once, last by Diesch (March 31, 2024 at 6:44 PM).

  • Da stimme ich doch voll zu. Aber als Berufsfotograf mit auch schwierigen Aufgaben habe ich die Erfahrung gemacht, dass statt nach schulfotografischen Schemata (erst Shift,dann Tilt, und dann fängt das Torkelproblem erst richtig an) vorzugehen, ein prinzipielleres Vorgehen erfolgreicher ist, nämlich in der Verlängerung der optischen Achse des Objektivs das virtuelle Bild im Raum zu verstehen und die gewünschte Filmfläche darin zu erkennen. Die notwenigen Kameraverstellungen ergeben sich dann einfach verstehbar.

  • Die notwenigen Kameraverstellungen ergeben sich dann einfach verstehbar.

    Nun ist dies keine schulfotografische Ansicht.

    Grundlegend ist für mich die Ansicht des Objekts /der Szene. Deshalb beginne ich mit der Projektion, nachdem das Objektiv seinen Platz eingenommen hat. Das Objektiv verlässt seinen Platz nicht mehr - abgesehen von Drehungen und Neigungen. Innerhalb des Bildes, das das Objektiv entwirft, stelle ich dann die Bildstandarte auf mit den oben erwähnten Maßnahmen zur Anscit der Szene /des Objektes.


    ein prinzipielleres Vorgehen erfolgreicher ist,

    Wenn du so Zeit gewinnst, ist das zu begrüßen.

  • Ich nahm an, die Absicht ginge aus der Überschrift hervor.

    Vorsichtshalber hier die Klarstellung:

    Die Verformungen sind Absicht!

    und nur durch die normalen Verstellungen der Kamera herbeigeführt. Ich habe diese Schüsseln extra zu diesem Zweck gewählt, weil bei ihnen eine Verformung sofort sichtbar ist.

  • Ich habe auch kein Problem damit, zu erklären, wie ich mein Schüsselbild gemacht habe. Jeder, der mit einer Grossformatkamera fotografiert, sollte das können. Es ist ja nicht entscheidend, den Pinsel auszuwählen - entscheidend ist, was man damit macht.

  • Musiker mache auch Fingerübungen und spielen Etüden - ab und zu schaffen es die auch in den Konzertsaal.

    Wenn ich schreibe Form ist relativ denke ich an den Physiker, der vieles, das fix und starr scheint relativierte... Ist vielleicht etwas weit hergeholt?

  • Also ich habe deine Arbeit sofort verstanden.
    Deinen beinahe schon kriminalistischen Ansatz finde recht originell, das ist mal was anderes.
    Das es hier einer tieferen Erläuterung bedarf, finde ich schon ein wenig merkwürdig.

    Für den Fall, dass noch eine Bilderserie draus wird, wäre eventuell hier die musikalische Untermalung:

    External Content www.youtube.com
    Content embedded from external sources will not be displayed without your consent.
    Through the activation of external content, you agree that personal data may be transferred to third party platforms. We have provided more information on this in our privacy policy.

  • Die Objektivachse geht nach oben rechts. Das ist dann ein Ausschnitt aus dem optisch virtuellen (Weitwinkel) Bild mit dem Objekt Ecke links unten mit den erwartbaren Verzerrungen. Schärfentiefe auch durch etwas Tilt ( links zur Objekmitte) erreicht. Shift etwas nach unten, um den Rand des Objektivbildkreises auszunutzen. Oder?


    Gruss Rainer

    Edited 2 times, last by rawitz (April 2, 2024 at 5:52 PM).

  • Kamera gerade etwas hoch vor den Flaschen - keine vertikale Neigung. Objektiv etwas nach unten versetzt -> Obersicht

    Scheinbare Schrägansicht durch starke horizontale Drehung der Bildstandarte und anschließende Verschiebung, um den Ausschnitt wieder herzustellen. Dadurch die Betonung der Formveränderung am Rand.

    Objektiv fast mit der Bildstandarte parallel - fast für die Hauptschärfeachse Bälle links -> Flasche rechts

    Dann Schärfe etwas nach hinten versetzt, um in der Richtung mit der Blende Schärfe zu ergänzen.

  • Objektiv etwas nach unten versetzt -> Obersicht

    Scheinbare Schrägansicht durch starke horizontale Drehung der Bildstandarte. Dadurch die Betonung der Formveränderung am Rand. Objektiv fast mit der Bildstandarte parallel

    Das ist etwas für Tüftler:

    "Keine vertikale Neigung. .. Objektiv etwas nach unten versetzt" (also Shift) ist sichtbar. "Scheinbare Schrägansicht durch starke horizontale Drehung der Bildstandarte" ist dann der angesprochene horizontale Schärfetilt und gleichzeitig optische Verlagerung des Bildes in die untere linke virtuelle Bildecke mit der von dir absichtlich übertriebenen Verzeichnung. Oder?

    Hast du eine verstehbare Übersicht über deinen Aufbau Kamera-Objekt. Ich befürchte unsere Diskussion ist für manche sonst jenseits des Andromedanebels.

    Gruss Rainer

Participate now!

Don’t have an account yet? Register yourself now and be a part of our community!