Tiefenschärfe Tilt bei Großformat

  • guten morgen.. ich beginne mich langsam an meine 9x12 kamera zu gewöhnen und ganz gute bilder rauszukitzeln...


    eins erschließt sich mir nicht:


    die shift funktionen hoch und seitwerts für die linien sind klar und werden gern genutzt...


    nun möchte ich beim landschaft fotografieren gern die tilt funktion nutzen, um die blume im vordergrund und den baum im hintergrund scharf zu bekommen.
    dafür müßte ich doch das objektiv neigen können, richtig ??


    kann meine kamera aber nicht! stattdessen kann ich das objektiv gen himmel neigen, also nach oben statt nach unten..


    dieser tilt erschließt sich mir nicht... wozu ist das gut ? es wird doch nie ein überhängender baum scharf sein sollen ;-)??


    danke für eine gute antwort zu der schlichten frage..

  • Moin Vasco,


    ich tippe mal darauf, dass Du eine Pressekamera vom Typ Graflex hast. Dann kannst Du den Laufboden ungefähr 15° nach unten abklappen, mit dem "Rückwärtstilt" die Frontstandarte wieder senkrecht stellen und "hoch shiften", um die optische Achse wieder in die Mitte der Mattscheibe zu bekommen. Anschließend kannst Du die Frontstandarte soweit nach vorn kippen, wie Du das für die Schärfendehnung brauchst. Was dann allerdings im Normalfall nicht mehr geht, ist gleichzeitig hoch shiften, weil Du den Spielraum gebraucht hast, um die Standarte nach dem Abklappen des Bodens wieder in die Mitte zu bekommen.


    Gruß


    Ulrich


    PS: Gibts eigentlich eine Liste deutscher Begriffe für die Verstellungen. Ich kenn die englischen und im deutschen gebräuchliche englische Begriffe, die von den im Englischen benutzten abweichen. Diese sind obendrein unpräzise. Shift wird z.B. im Englischen für eine seitliche Bewegung einer Standarte benutzt. Rise und fall für die hoch und tief Stellung einer Standarte.

    • Official Post

    Hallo Vasco,


    in Ergänzung zu Ulrichs Erklärung, auch Laufbodenkameras mit relativ geringen Verstellmöglichkeiten kann man benutzen um die Schärfe bei Objekten die von der Kamera weg nach hinten laufen nach Scheimpflug zu dehnen, indem man die Kamera mit Hilfe eines Auslegearms oder auch unter dem Stativ hängend befestigt. Dann wird aus der Objektivstandarten-Hochverstellung eine Tiefverstellung usw.


    Hallo Ulrich,


    die deutschsprachigen GF-Kamerahersteller - Linhof, Plaubel, Sinar - haben alle mehr oder weniger ausführliche Anleitungen herausgebracht, in denen die Verstellungen benannt und beschrieben werden. Da wird z. B. von einer parallelen (Hoch-) Verschiebung des Objektives gesprochen. Aber das denglische "hochshift" erklärt es auch ganz gut.


    Man sollte ähnlich wie im englischsprachigen LF-Forum auch hier ein paar einführende Seiten zum Thema haben. Mal sehen ob das noch klappt.


    Peter K

  • "Shift" und "Tilt" haben sich so sehr in die fotografische Begrifflichkeit eingebürgert, daß es nicht unschlau ist sie zu benutzen.
    Die Begriffe sind einfach prägnanter als "Verschwenken" (das hat mehrere Bedeutungen) oder "parallelverschieben" (das würde begrifflich genau genommen die Parallelität beider Standarten voraussetzen - was ja bei Scheimpflug nicht gegeben ist)


    Übrigens würde ich nicht den Laufboden abkippen sondern die Kamera mit dem Stativkopf neigen und dann die Filmstandarte senkrecht stellen - oder so, wie´s für den Scheimpflug passt. (vielleicht war das ja so gemeint)
    Auf diese Art lässt sich auch ein indirektes Shiften machen, denn meist lässt sich bei Laufbodenkameras ja die Filmstandarte nicht hochschieben: Kamera neigen, Objektivstandarte nach hinten kippen/gerade stellen (das geht ja, wie Du schreibst) und dann die Filmstandarte ebenfalls gerade stellen (bei Architektur am besten beide senkrecht).
    So hast Du den gleichen Effekt als würdest Du die Objektivstandarte runterschieben oder die Filmstandarte hochschieben (geht nur bei Kameras auf opt. Bank) bzw. Du kannst auf die Art längere Shift-Wege realisieren.


    Als Gedankenstütze für den Scheimpflug ist es schlau sich vorzustellen, wie unterschiedlich lang die Abstände sind, die sich in der Blendenebene kreuzen.
    Der Abstand der Blume im Vordergrund bis zur Oberkante des Films ist weit geringer als der Abstand der weiter weg liegenden Landschaft zur Unterkante des Films. Also kippst Du die Filmstandarte nach hinten - dadurch wird der Abstand Blume/Film ebenfalls länger - und Du hat Schärfentiefe gewonnen, weil sich die Abstände annähern.
    Steng genommen kippst Du ja nur eine Ebene an der Basis nach hinten - der Schärfegewinn wirkt sich also nur "flächig" aus.
    Bei Landschaften aber kein Problem. Du solltest dabei aber trotzdem noch mit der Schärfe beim Abblenden arbeiten.
    Gruß, Klaus

    herzlichen Gruss, Klaus
    -----------
    “Simplicity is the keynote of all true elegance.” Coco Chanel

  • Quote from "klausesser"


    Übrigens würde ich nicht den Laufboden abkippen sondern die Kamera mit dem Stativkopf neigen und dann die Filmstandarte senkrecht stellen - oder so, wie´s für den Scheimpflug passt. (vielleicht war das ja so gemeint)


    Ich kenn das nur von meiner Graflex. Da ist die Rückstandarte fest. Bei den alten Technikas kann man die wohl verstellen, dann geht das natürlich.


    Ulrich

  • Quote from "Ulrich Drolshagen"


    Ich kenn das nur von meiner Graflex. Da ist die Rückstandarte fest.


    Oh - das wußte ich nicht, sorry. Da ist das nat ein Weg, klar! Laufboden runterneigen, Basis/Kopf dann wieder horizontal ist ja wie Filmstandarte zurückkippen. Stimmt.


    Gruß, Klaus

    herzlichen Gruss, Klaus
    -----------
    “Simplicity is the keynote of all true elegance.” Coco Chanel

  • also ich danke allen für die superausführlichen antworten und begriffserklärungen..


    ich steh aber noch ein bisschen auf dem schlauch.. vielleicht hätte ich sagen sollen, was ich für eine cam habe.


    ich habe eine alte platten kamera von 1920 .. :lol:


    genaugenommen ein JUWEL von ICA dresden..


    ich denke mal, das nennt man dann laufbodenkamera.. jedenfalls ist das ding klein und zusammengeklappt und ich kann dann vorn die klappe aufklappen und mit zwei schrauben den bodenrausschieben und somit die schärfe setzen...


    ahh.. und gerade wieder etwas schlauer geworden.. das stimmt.. noch nie daran gedacht.. ich kann den laufboden um ca 15grad vorneigen...


    ich kann jedoch nicht die filmeben irgendwie verändern.. so wie das ja auch vorgeschlagen wurde..


    kurz zum verständnis..: wenn ich nur den laufboden kippe und nicht shifte oder tilte. dann würde die schärfe eben doch eigentlich schon schräg nach hinten verlaufen, oder ?? wenn ich jetzt das objektiv entgegen neige, so dass beide ebenen parallel sind, dann habe ich auch eine normale schärfeebene wie immer ??


    so könnte ich also ein gebäude von oben bis unten scharf bekommen.. und für die landschaft lasse ich das objektiv normal, somit dann nach vorngeneigt und erhöhe dann die schärfentiefe noch durch abblenden..


    hat jemand einen link zum schärfentiefe rechner für 9x12 ??? das ist ja sicher anders als bei KB?


    lieben dank

  • Moin, wenn Du den Laufboden nach vorne kippst, bekommst Du einen Scheimpflug = Objektivebene und Filmebene treffen sich seitlich gesehen wie ein Buch in einer Achse. Aus dieser Achse kommt auch die Schärfeebene (siehe den Download-Hinweis unten).
    Stellst Du dann die Objektivebene wieder senkrecht, hast Du eine Shifteinstellung nach unten.
    Für klassische Architekturaufnahmen, senkrechte Hauskanten parallel zur Bildkante, ist ein Scheimpflug selten hilfreich. Da ist es, wie Klaus schon schrieb, das Beste, nur shift einzustellen, also auch die Objektivebene parallel zur Filmebene.


    Gruß
    lars

    • Official Post
    Quote from "Vasco Schröder"

    genaugenommen ein JUWEL von ICA dresden..


    ich denke mal, das nennt man dann laufbodenkamera.. jedenfalls ist das ding klein und zusammengeklappt und ich kann dann vorn die klappe aufklappen und mit zwei schrauben den bodenrausschieben und somit die schärfe setzen...


    Solche Kameras wie Deine Juwel waren Anfang des letzten Jahrhunderts die Kameras für den ambitionierten Amateur.

    Quote from "Vasco Schröder"

    ahh.. und gerade wieder etwas schlauer geworden.. das stimmt.. noch nie daran gedacht.. ich kann den laufboden um ca 15grad vorneigen...


    ich kann jedoch nicht die filmeben irgendwie verändern.. so wie das ja auch vorgeschlagen wurde..


    Bei einigen dieser Kameras kann man den Laufboden ca. 15° absenken und dann die Objektivstandarte so weit nach hinten neigen, dass Filmebene und Objektivstandarte wieder parallel sind. Das dient dazu Gegenstände die von oben fotografiert werden gerade abzubilden.


    Oft kann der Laufboden auch um 15° nach oben geneigt werden und die Objektivstandarte nach vorne gekippt werden, was dazu dient höhere Gebäude von unten fotografiert nicht nach hinten kippen zu lassen.


    Quote from "Vasco Schröder"

    kurz zum verständnis..: wenn ich nur den laufboden kippe und nicht shifte oder tilte. dann würde die schärfe eben doch eigentlich schon schräg nach hinten verlaufen, oder ?? wenn ich jetzt das objektiv entgegen neige, so dass beide ebenen parallel sind, dann habe ich auch eine normale schärfeebene wie immer ??


    so könnte ich also ein gebäude von oben bis unten scharf bekommen.. und für die landschaft lasse ich das objektiv normal, somit dann nach vorngeneigt und erhöhe dann die schärfentiefe noch durch abblenden..


    Genau. Wenn die, gedachten, verlängerten Ebenen der schräg nach hinten laufenden Objektebene, der Filmebene und der Objektivstandarte sich in einem Punkt schneiden ist die Objektebene von vorne nach hinten scharf ohne dass abgeblendet werden muß.(Scheimpflug-Bedingung)


    Quote from "Vasco Schröder"

    hat jemand einen link zum schärfentiefe rechner für 9x12 ??? das ist ja sicher anders als bei KB?


    Die Schärfentiefe ist formatabhängig. Genauer gesagt davon abhängig wie stark das Negativ nachvergrößert wird um die endgültige Bildgröße zu erreichen. Hier findest Du einen Schärfentieferechner der die verschiedenen Negativgrößen berücksichtigt.


    Peter K

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